Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 383 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 383 leicht fruchtbar werden, die das „eigentliche", das reine Grundverhältnis zwischen Deutschen und Juden in Deutschland charakterisieren und von denen wir bis heute nur mehr oder weniger getrübte und vielfach sterilisierte Formen kennen. Es bleibt die Aufgabe einer wirklich umfassenden Betrachtung, von den getrübten und von den reineren Spannungen dieser Art Rechenschaft zu geben. Obzwar solche Volkheit-Spannungen sich zunächst unterhalb der Oberfläche des Bewußtseins auswirken, kann ihre Betrachtung nicht davon abgehen, sie einer Rahmenvorstellung, einem Fragepunkt unterzuordnen. Und es ist klar, welche Frage den Richtpunkt trifft. Verständigung über gesellschaftlich-menschliche oder gar staatsrechtliche Konflikte bedeutet an und für sich nur unproduktive Vorarbeit der Atmosphärenreinigung.. Was aber geschieht dann im Geistigen? Welcher Schritt zur Gestaltung Europas wird damit erleichtert oder ermöglicht? Das ist die Kernfrage. Es werden ernstliche Zweifel möglich sein, ob die Richtung auf „Europa" überhaupt in Frage steht. — Ich nenne ein Wort und berühre ein Problem,, das auch die Zionisten zu innerst angeht. So wenig wie ich selber darüber je zur Klarheit gekommen bin, so wenig habe ich sie in zionistischen Kreisen gefunden: ob die Bewegung hinweist auf eine vorderasiatische Sonder- Kleinkultur oder ob sie Fühlung mit Europa halten wird. Einstweilen steuert sie jüdische Kräfte schon dadurch in die Enge eines sehr kleinen Sonderkreises, daß sie sie zur hebräischen Sprache bestimmt, welche ihre Träger im Verein mit der klimatischen Entwöhnung und der sozialen Umstellung zum Ausscheiden aus Europas Bannkreis verurteilt. Ich kenne sehr wohl das Entwicklungsziel; es ist ein moralisches und ästhetisches zugleich; die Radikalität tiefer und ernstester Antriebe begreife ich, welche dieses Ziel verabsolutiert. Ich kenne nicht minder den Hauch der Wohlgeborenheit, der heute schon einige palästinensische Menschen umwittert. Doch mache ich auf den ungeheuren Preis aufmerksam, der zu zahlen notwendig scheint: Enteuropäisierung. Vorübergehender Pessimismus, ephemere Großstadtmüdigkeit und nackte Notstandsgesinnung mag ihn heute klein nennen. Sie irren sich, soweit sie sich als Dauereinstellungen geistiger Menschen auffassen! Der Preis ist ungeheuer. Und gerade für Juden ohne Frage doppelt hoch. Hier liegt, es offen zu sagen, der letzte geistige Grund, warum ich nicht an einen a 11 umfassenden „Erfolgt der zionistischen Bewegung glaube. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß ein Teil der Juden innerlich an Europa gekettet ist, und dieses Erdteils Zukunft verpflichtet. Man wirft in „nationalen" Kreisen den Juden „Internationalismus" vor. Ich entkleide diese Rede zunächst des Vorwurfs, der darin liegen soll; die gemeinte Wesensart halte ich für meist unentrinnbare Folge von unentrinnbaren Widerfahrnissen des Einzellebens, und solche Gefühlseinsteliungen ziemt es m. E. nicht zum Gegenstand moralisch betonter Entwertungs-, kämpfe zu machen. Doch der Wesenszug als solcher ist freilich nicht selten im Judentum, und ich bedaure ihn. Ich tue es, weil er nicht weit-