Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 385 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 385 vollen Achtung vor dem geistigen Rang und der bedeutenden Würde echter Ratio bequemt, und wenn zugleich das Judentum — wie es etwa Rathenau vorlebte und auch Klatzkin vollbringt — den Aberglauben an das Alleinseligmachende des relativierenden Rationalismus, der intellektualen Kräfte, vor allem auch in der Publizität, grundsätzlich aufgibt. Ich räume ein, daß dem Judentum ein ernsterer Opfersinn für geistige Werte innewohnt, eine stärkere Verzichtkraft auf Bequemheit und Behagen; bleibt dies frei von geschäftigem Fanatismus, so ist es eine hohe Gabe, ein bedeutender Einsatz ins Spiel. Ich räume ein, dass das Deutschtum an Unfreiheit, Schwäche und Bequemlichkeit leidet. Umgekehrt erschwingt es aus der Kraft einer schlechthin wesenfinderischen Sachlichkeit, einer unbestechlichen und unrationalen Intuition selbst in wunderlichen Formen oft das Höchste — ich denke im Augenblick an das äußerste Beispiel des Jean Paul; ich könnte Nietzsche nennen, dessen Negativität vom Judentum zuweilen sehr eindringlich empfunden, dessen Trotzdem-Glaube und innerste Selbstbindung von ihm ebenso oft glatt übersehen wird. In diesem Zusammenhang wiederhole ich, daß die Juden den Deutschen um einige Grade mehr inneres Entgegenkommen schulden, und sage, daß nur ein solches gemeinsame schöpferische Arbeit ermöglichen kann. Ich werbe damit nicht demütig um ein wenig Verständnis, das die Deutschen allenfalls entbehren können und über dessen Mangel ich noch nie geweint, aber oft gelächelt habe. Ich ziele auf anderes: auch mit dem längeren Atem des vorsichtigen Warters, auch in der Stille der unkritischen Hingabe, je gerade da, wird Größtes erschwungen und vernommen, das andere mit Fanatismus allein zu erobern vermeinen. . . . Die kleinen, nicht vorbildlichen, doch bezeichnenden Wettstreite zwischen Juden und Deutschen ähneln nicht selten jenem Tierwettlauf, dabei der eifrige Hase sich halb zu Tode strapaziert, der geruhsamere Igel indes seelenruhig verkündet: Ick bün allhier. . . . Der große Agon, welcher die Zukunft mitzeugen soll, wird freilich so nicht aussehen. Beide Völker werden seiner nur würdig, seine Früchte werden nur dann unserer Hoffnungen wert sein, wenn alle jegliche Kraft besonnener Leidenschaft einsetzen. . Ich stehe am Schluß einer Betrachtung, deren Unzulänglichkeit ich kenne, und mir selber scheint nicht mehr beleuchtet als ein paar Selbstverständlichkeiten der Pragmatik, an die allerdings die irrsälige Gegenwart selten genug denkt, und ein paar Punkte des Wegbeginns in die Zukunft. Nur der Gedanke, das ein Anfang denn doch, und sei es inmitten von Wahn und Gegenwahn, gemacht werden muß und im Notfall auch der Unberufene in die Bresche gehört, konnte mich bestimmen, das Gesagte an dieser Stelle zu veröffentlichen. Heft 7. 25