Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 382 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Wolfgang Schumann: öffentliche Meinung. Indem ich diesen Aufsatz veröffentliche, bin ich mir bewußt, mich nicht nur gemeinen Beschimpfungen auszusetzen, was mir gleichgültig ist, sondern auch dem feineren ,,Mißtrauen", dem in fiebrigen Zeiten jede grundsätzliche Besonnenheit und Besinnung begegnet — das ist die Lage. Es scheint notwendig, weittragende pragmatische Anliegen einer entfieberten Zukunft zuzuschieben. . . . Was im Vorstehenden behandelt und ausgesprochen wurde, sind Banalitäten in geistigem, primitive Angelegenheiten in pragmatischem Betracht. Ich weiß das wohl. Es wäre spannender, reizvoller und in tieferen Schichten fruchtbar, auf eine andere Art zu reden. Die gegenwärtige Lage aber zwingt uns, zuvor reinen Tisch zu machen. Was sich von selbst versteht, gerade das versteht niemand mehr. Keine Voraussetzung des Anstands, der Loyalität, der nüchternen Einsicht hat mehr Geltung. Sogar Kreise, in denen dem Judentum menschlich-praktisch Loyalität entgegengebracht wird, leben in einer zwanghaften Stimmung; ihre Loyalität entspringt aus einem dunklen Gefühl, daß Menschen ,,doch Menschen seien" und als solche Menschlichkeit und Loyalität beanspruchen dürften; sie entspringt allenfalls aus Gewissenhaftigkeit; dahinter aber lagert Mißbehagen und Unsicherheit, Zwiespältigkeit und gar „schlechtes Gewissen" gegenüber dem eigenen Volkstum, als ob man es „verrieteV, wenn man sich von der Gesinnung seiner barbarisch-fanatischen Träger abscheidet. Selbst bei durchaus noblen Charakteren bin ich dieser Doppelhaltung gegenüber dem Judentum begegnet, die einerseits über die wirklichen Probleme hinwegzukommen trachtet, indem sie sie,als geistig unwichtig, fast unbewußt zu leugnen versucht, anderseits das Gefühl nicht los wird, es sei „doch etwas daran". Solcherart sind wir Erben einer unehrlichen Vergangenheit, Opfer der Demagogie und leider auch einer fatalen Impotenz und Bangigkeit. Dieser Zustand des Jammers zwingt uns, aus purer Vorsicht stets erst das Abc abzuklappern, bevor wir zur Bibel oder zum Lesebuch oder gar zu höheren Diskussionen vorschreiten können. Die eigentlichen „Probleme" liegen in anderen Ebenen. Sie liegen dort, wo die eigentlichen Probleme immer liegen. Alle Angelegenheiten von Nationalismus, Volkstum, Antisemitismus usw. usw. tragen das Zeichen der Zeitlichkeit. Und das Zeichen der „Äußerlichkeit" dazu. Kein Mysterismus von „Blut"-Geheimnissen, Rasseherrlichkeit und Volkstum-Göttlichkeit — der übrigens im Judentum auch allzu oft auftritt — wird es aus der Welt schaffen, daß die damit verknüpften Tendenzen im wesentlichen nur wenig veredelte physische Instinkte sind, die man auf diesem Felde hochtragisch nimmt, während man sie dort, wo sie viel mehr „Recht" haben, etwa im Geschlechtlichen, über Gebühr und Besinnung hinaus bekämpft, einzuschränken und zu entwurzeln trachtet. Instinktlose Instinktvergötzung. . .. Ich spreche nun von geistigen Entwicklungen. Entspannungen im Äußerlichen vorausgesetzt, wie ich sie angedeutet habe, würden Spannungen erst voll zutage treten, sich „spannen", viel*