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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 381

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
381 (sequence 13)
Language
German
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 38i Grundsatz nun Pflichten für den Einzelnen abzuleiten, insbesondere für Eltern und Erzieher (denn eine lange Zeit läge auch dann noch vor uns bis zur Verständigung, wenn der Wille dazu schon stark wäre!). Es bedarf dessen nicht. Sehr leicht ist die Grundforderung gedanklich umzusetzen in Teilforderungen. Neben der Grundforderung kenne ich nur noch eine zweite. Sie heißt: Erkenntnis des Judentums. Auch dieser Pflicht haben sich die Deutschen meist entzogen; und wo sie versuchten, das Judentum deskriptiv darzustellen, haben sie es meist mit tendenziöser Fälschergesinnung versucht. Es mag absurd klingen, aber mir ist nicht ein einziges größeres, loyales deutsches Buch über das Wesen der Juden bekannt. Die meisten stinken von Unsachlichkeit, Verlogenheit oder Bosheit. Ein anderer Teil dient zur Bekämpfung der schlimmen Schriften und gerät aus idealer Güte in eine Verfälschung, Vergütigung und Verhimmelung, in ein ,,Reinwaschen" und „Idealisieren" der Juden hinein, das nichts nützt und seine Urheber etwas lächerlich macht. Diese ganze Literatur ist übrigens trotz des ungeheuerlichen antisemitischen Lärms nicht verbreitet. Die meisten Deutschen wissen vom Judentum aus persönlicher Erfahrung je nach Zufall so viel, wie wir alle etwas von den Löwen oder Känguruhs wissen, und aus Schriften überhaupt nichts x). Es bleibt zu erwägen, ob und wie die Verständigung, die ich als Ziel aufstelle, eine gesellschaftliche Form annehmen könnte. Es bereitet Verlegenheit, diese Frage zu behandeln. Daß „gesetzliche" oder irgendwelche Formen der gesatzten Ordnung nicht in Frage kommen, ist zur Genüge dargetan. Die einzige „Form", die ich sehe, ist die Verständigung zwischen repräsentativen Körperschaften. Eine jüdische Körperschaft dieser Art könnte wohl geschaffen werden. Aber eine deutsche? Seit langem war die Zeit nicht so ungünstig dafür wie heute. Alles liegt in Fiebern und Paroxysmen. Ganze politische Großparteien sind geistig diskreditiert; so die Sozialdemokratie und die Nationalliberälen; von den Nationalen, die niemals Fühlung mit Geistigem gehabt haben, ganz zu schweigen. Die einzige Partei, die eine gewisse jenseits des Parteibetriebes geltende Autorität bewahrt hat, ist das Zentrum; aber es repräsentiert zu wenige Deutsche und ist durch den Abfall Bayerns territorial eingeschränkt. Andere autoritative Institutionen sind erst recht kaum da; die evangelische Kirche lahmt auf beiden Beinen; die Kulturbünde sind durch die materielle Not mattgesetzt; die Lehrer- und Hochschullehrer-Verbände sind verstrickt in Interessenkämpfe; alle Körperschaften bangen bei jeder Entschließung um ihr politisches Prestige und würden vor einer großzügig-freimütigen Haltung in der Judenfrage furchtsam zurückschrecken, obwohl noch immer Zehntausende von Gebildeten dafür zu haben wären — der immaterielle mehr noch als der materielle Terror radikaler Hazard-, Interessen- und Gewaltpolitiker hat die öffentliche Gesinnung mehr noch korrumpiert als die *) Daß es höchst interessante, auch recht objektive jüdische Schriften über Judentum gibt, ist mir bekannt. Doch sind sie in der heutigen Zeit unter Deutschen nicht wohl verbreitbar.

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