Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 380 (sequence 12)
- Language
- German
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380 Wolfgang Schumann: Nein, wie immer das deutsche Volk und sein Volkstum gewesen sein oder sein mag, ob es irgendwie sein solle, geht daraus nicht hervor. Die Lösung der Judenfrage hat nichts damit zu tun, was sich jemand als Wesen des Deutschtums vorstellt. Es wäre ja möglich, daß ein verändertes Deutschtum viel wünschenswerter wäre als das seiende. Die Bestrebungen zur Lösung der Judenfrage aus jenen mysterischen Volkstumidealen ableiten, heißt sie dem Belieben oder noch schlimmer: den Instinkten und damit, da es sich um Massen handelt, minderwertigen Instinkten anheim stellen. Da aber,hierbei Menschenleben und Menschenglück zu Hunderttausenden auf dem Spiele stehen, kann kein Denkender dies verantworten. Wie der Rasseaberglaube nichts, gar nichts als Unglück in die Welt gebracht hat, so wird auch der Volkstumaberglaube nichts anderes ausrichten (auch die Zionisten sollten übrigens sich diesem Gedankengang nicht verschließen!). Was aus dem Empfinden von der Würde und der Bedeutung des Volkstums zur Lösung der Judenfrage abgeleitet werden kann, das habe ich oben gesagt; es sind Forderungen an die Juden. Sie setzen eins voraus: daß der Gedanke, man könne die Juden aus Deutschland ausmerzen, undurchführbar ist. Er ist es zweifellos praktisch; die Ausmerzung wird ohne Frage nicht geschehen; wer etwas von dieser Zeit weiß, greift mit Händen, daß es nicht geschehen wird; Hemmnisse und Widerstände sind dazu zu groß. Vielmehr werden die Juden in Deutschland bleiben! Die Ausmerzung ist auch moralisch unmöglich; sie kann nicht ohne Blutvergießen und Vergewaltigung gedacht werden. Die erste Einsicht, zu der Deutsche sich zu zwingen haben, ist diese: Die Juden werden in Deutschland bleiben. In Wahrheit haben sie auch ein recht gutes „Recht" dazu; so wenig es das Verdienst der Deutschen ist, den deutschen Boden zu bewohnen und die Luft zwischen Weichsel und Rhein zu atmen, so wenig ist es die „Schuld" der Juden, daß sie hier sind. Beide Völker haben von Vorvorvätern dies Stück Erde als Heimat geerbt. Daraus ergibt sich, sittliche Gesinnung vorausgesetzt, daß Deutsche und Juden gemeinsam das „Problem" zu lösen haben. Ich setze wiederum nicht mehr voraus, als eine ganz schlichte, sittliche Gesinnung, deren Gehalt in Europa kaum bestritten wird, wenn ich sage, daß es im Geist der Verständigung und des Friedens gelöst werden muß. Einen Volkskonflikt lösen heißt gar nichts anderes, als Verständigung und Frieden stiften. Kampf ist zuweilen fruchtbar im Geistigen; er mag unvermeidbar, er mag selbst „notwendig" sein, wo bedeutsame Ziele durch ihn erreicht werden können; der prinzipiell aussichtlose, der sinnleere und des Ziels ermangelnde Kampf ist Wahnsinn und Verbrechen. Wir erleben es ja schon! Dieser Kampf Deutschtum wider Judentum wendet sich gegen das Deutschtum selber, das selber am tiefsten im Geist und in der Moral dadurch vergiftet und entwürdigt wird. Verständigung bedarf einer Atmosphäre von Verträglichkeit. Ist diese nicht „von Natur" da, so muß Einsicht sie schaffen. Was die Deutschen zuerst zu leisten haben, ist der Abbau antisemitischer Velleitäten und Bestrebungen. Und s i e, die Mächtigeren, haben die Verständigung herbeizuführen. Da ich von den Pflichten eines Volkes spreche, wären aus diesem