Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 379 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 379 echte Einheit. Es ist organismusähnlich, aber kein Lebewesen. Aber je stärker der Gedanke der Volkheit, des Volkstums betont wird, um so nachdrücklicher sollten und müßten seine Beförderer im Grunde die Gemeinverantwortlichkeit aller anerkennen, sich dafür einsetzen, daß mindestens möglichst v*i e 1 e Deutsche sich unsittlicher Handlungen enthielten und unwürdige Gesinnung abtöteten. Ich für mein Teil empfinde gerade gegenüber dem Judentum und dem ,,Judenproblem" diese Verantwortung lastend. Kann ich auch, national betrachtet,,,nichts dafür", wenn irgendwo jüdische Kinder von deutschen Kindern bespuckt werden und deutsche Eltern das höchst harmlos finden, wenn von deutschen Antisemiten Lügen verbreitet, von deutschen Verbrechern Juden getötet werden, so fühle ich mich doch seltsam dadurch befleckt und zu doppelter Wachsamkeit angespornt. Unter der Oberleitung des Gedankens der Gemeinverantwortlichkeit allein kann Fruchtbares auf dem Felde der Volkheitkonflikte geschehen. Auf dem Gebiet der Judenfrage aber ermangelt es sogar noch einer entscheidenden Bedingung des Handelns: der sachlichen und nüchternen Besinnung. Nicht einmal dazu haben die Deutschen es gebracht, die notwendige Klarheit über die Vorfragen der Judenfrage zu erarbeiten. Da liegt noch vieles im Argen und Ärgsten. Hunderttausende stecken noch im Rasseaberglauben, obwohl es weder eine „jüdische Rasse" noch einen Zweifel daran gibt, daß die Entwicklung der Anthropologie einerseits den ganzen Rassewahn theoretisch bereits als dumm und leer erwiesen hat, anderseits aber zur Lösung unseres Problems nicht das geringste beitragen kann und wird. Nun scheint allmählich an die Stelle des Rasseaberglaubens der „Volkstum"-Aberglaube zu treten. Worunter indessen nicht die erwachende Freude am Deutschsein oder der erwachende Wille dazu zu verstehen ist — diese menschlichen Entwicklungserscheinungen lasse ich vielmehr vollkommen unangetastet —, sondern die Meinung: es sei um das Volkstum ein tiefes Geheimnis, dieses sei ein „Mysterium", es sei eine unantastbare, gottentstammende Einrichtung. Das ist nicht der Fall; Volkstum ist der Analyse und Beschreibung zugänglich und muß analysiert und beschrieben werden. Aus dem Aberglauben indes entsteht der „Wahn"; der besondere Volkstumwahn, daß das Volkstum unter allen Bedingungen so rein als möglich zu erhalten oder zu gestalten sei. Hat man schon, je nachdem, barbarische oder kindische oder mindestens romantisch-mysterische Vorstellungen vom Wesen des Volkstums, so pflegen Zielvorstellungen von seiner Reinheit — gewissermaßen notwendigerweise — noch barbarischere oder kindischere Taten zu zeugen. Man erkennt, obzwar nur durch gefühlgelenkte, dumpfe Intuition, einige Züge des heutigen oder noch lieber gar des gewesenen Volkstums und „schließt", daß diese erhalten, gepflegt und rein dargestellt werden „sollten^. Solches Schließen aus Seiendem auf Sollendes beweist nur, daß Tendenz den Erkenntniswillen gelenkt hat. Es mutet an, als wollte jemand Granaten auf den Mond abschießen, weil dieser doch Krater habe, also seinem Wesen nach Krater haben „solle", und solche könne man bekanntlich durch Granaten erzeugen ...