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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
378 (sequence 10)
Language
German
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.378 Wolfgang Schumann: so unendlich viel angenehmer, im Gewohnten dahinzuleben, halbbewußt seiner selbst, gekettet an familiale Überlieferung, gehorchend diesem oder jenem unkontrollierten Triebe. Es ist schwer, und bedeutet einen Kampf mit viel Niederlagen, wenn man zur Selbstkontrolle und Selbstumbildung schreitet. Wohl sind wir alle dazu verpflichtet, aber der Deutsche durch ethischen Antrieb und ethische Überlegung allein, der Jude überdies durch die Konsequenzen seiner Abstammung, und das tangiert das Selbstgefühl; hald wird ihm die Gegenvorstellung aufspringen: ,,Warum soll ich nicht der sein, der ich bin? ich bin doch nicht minderwertig!!" Gewiß ist ers nicht; und doch ist ihm dies auferlegt — die Erfüllung des Geforderten rechtfertigt sich nicht aus Wertgesichtspunkten, sondern aus einer geschichtlich-volks- «thischen Erwägung. Sein überzeitlicher Trost sei: das Kerngute seines Judentums macht er so, und nur so, für die Menschheit produktiv, er rettet «s so und nur so vor unentrinnbarer Verkümmerung, denn so allein schmilzt es mit dem Wertvollen des Volkes produktiv zusammen, in dessen Mitte er lebt. Vom deutschen Volk und seinen Anforderungen an die deutschen Juden habe ich gesprochen. Ich muß nun hinzufügen, daß ich nicht „im Namen" des deutschen Volkes sprach. Ich darf selbst nicht glauben, daß heute eine Mehrheit der Deutschen für diese Anforderungen eintritt. Die Mehrheit lebt das Leben aller Völker, sie lebt „im Gewohnten dahin" und mag von einer „Judenfrage" nichts hören noch wissen — das mögen die Gelehrten, die Politiker, die Literaten ausknobeln. Die Mehrheit der von der Frage Wissenden aber denkt härter als ich; wir erleben einen Nationalismus, der sich mindestens die völlige politische und geistige Abstinenz der Juden, eventuell deren gesetzliche Festlegung, und im äußersten Fall die gewaltsame Entfernung der Juden wünscht, sei es selbst durch Pogrome. Diese Wünsche halte ich für unerfüllbar, für unsittlich und für unfruchtbar im höchsten Sinne. Der Nationalismus wiederum lehnt mit Empörung den Gedanken der Eindeutschung zahlreicher Juden ab, den ich vertreten habe. Wieviele Gebildete, sich auf meine Forderungen — es sind nicht „meine", so hoffe ich, sondern die der Geschichte und der sittlichen Überlegung! — einigen würden, ist mir ungewiß. Obwohl ich vor jüdischem Forum stehe, will ich nun hinzufügen, welche Forderungen ich umgekehrt an das deutsche Volk stelle. Kaum brauche ich zu bemerken, daß es nach meiner Meinung Bestrebungen einstellen sollte, die ich eben als unerfüllbar, unsittlich und unfruchtbar bezeichnet habe. Doch ich gehe tiefer. Oben habe ich bemerkt, das jüdische Volk habe es „leichter" gehabt, für die Lösung des „Problems" etwas zu leisten. In der Tat scheint es mir so. Und es hat eine gewisse „Schuld", insofern es nichts leistete. Aber die größere und tiefere Schuld liegt beim deutschen Volk. Wenn zwischen zweien ein Konflikt besteht, hat der Stärkere und Mächtigere in der Regel die größere Schuld; so z. B. die Eltern regelmäßig in Konflikten mit den Kindern. Ich sagte nun zwar auch dies schon: solche Volksschuld ist nicht recht zurechenbar. Das Volk hat kein Ohr, kein einhelliges Organ, keine

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