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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
377 (sequence 9)
Language
German
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Deutsche und jüdische Schuld" und Aufgabe 377 artig, und nur Verlogenheit, bewußte oder unbewußte, kann behaupten, ihren Werken merke man das nicht an, oder, wie die dumme Rede lautet: im „Ästhetischen" spiele das keine Rolle. Zum zweiten: Die Juden, die nicht zum Zionismus sich bekennen, müssen das Deutschtum als solches bejahen, sofern sie im deutschen Volk Einfluß wollen. Vermögen sie das nicht, ist ihnen deutsches Wesen gleichgültig oder unsympathisch, so mögen sie ein stilles, unauffälliges Leben führen; aber wenn sie eine öffentliche Rolle spielen wollen, so müssen sie Gegnerschaft gewärtigen und die Konsequenzen tragen, das heißt: die Verantwortung für einen Antisemitismus, der sich gegen sie, aber auch gegen andere Juden mit wendet. Hier erhebt sich die furchtbare Frage: Heißt das, sie müssen ihr Judentum aufgeben? Die Wendung „Judentum aufgeben" ist zu plump und kann in der Antwort nicht wiederkehren. Denn diese Antwort lautet — ich zitiere einen Juden! — folgendermaßen: Gefordert ist „die bewußte Selbsterziehung" eines Volkes zur Anpassung an fremde Anforderungen. Diese Forderung, wie sie Rathenau entfaltet, ist nicht leicht, ich weiß es; nicht e i n Geschlecht kann sie durchaus erfüllen, es wird dazu mehrerer Geschlechter und längerer Zeit bedürfen. Doch ist sie erfüllbar. Und sie muß^.erkannt und anerkannt, und mit der Erfüllung muß begonnen werden. Ehe die Bereitschaft dazu nicht da ist, ist ein Ende nicht abzusehen. Ein Drittes mag kurz angeführt werden: Führerschaft und Einfluß zu erstreben, sollte sich nur der Jude gestatten, der jeglichen äußeren Ehrgeiz abgetan hat, sich nach strenger Gewissensprüfung zu bedeutenderen Leistungen berufen weiß und es versteht, tragendes, sicherndes Vertrauen zu gewinnen. Diese drei Teilforderungen scheinen mir gerechtfertigt nicht nur durch ihre Zweckmäßigkeit — das wäre eine schwache Rechtfertigung! — sondern durch sittliches Denken schlechthin. Sie sind nicht „für Juden" ausgesonnen, sondern gelten genau so für Deutsche und für andere im deutschen Volk Lebende. Auch jeder Deutsche sollte am Ende ehrlich auftreten, das Deutschtum bejahen und sich ihm anarten, Führerschaft nur durch Leistung, nicht aus Ehrgeiz erstreben. Ich habe die Grundforderung zerlegt in geltende Teilforderungen. Nun will ich sagen, was sie nicht enthält. Sie enthält nicht die Zumutung, die Religion preiszugeben. Keinesfalls deren ethisch-metaphysische Gesinnungseinstellung; diese verträgt sich vollkommen mit deutschem Wesen. Die Befolgung der Ritualregeln und Sittengebote trennt Juden erheblich von Deutschen; ich für mein Teil glaube und hoffe, daß dieses anachronistische Gebräuchewesen bald von selber schwinden wird; seinen Abbau wünsche ich, wage aber nicht, ihn zu „fordern" — im Notfall glaube ich, daß sich das deutsche Volk damit abfinden wird, wenn die drei Forderungen erfüllt werden. — Nicht gefordert ist gewaltsame Entselbstung und Selbstummodelung; das würde Heuchelei. Vielmehr ein tief ernstes Sichbesinnen und eine grundsätzliche Entscheidung zwischen Erez Israel und Deutschland. Vor allem aber: Erziehung der Kinder im Sinne der Forderungen, Vollkommen bin ich mir bewußt des beinahe tragischen Zuges, der über Menschen kommt, welche solche Forderungen allmählich erfüllen. Es ist

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