Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 376 (sequence 8)
- Language
- German
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376 Wolfgang Schumann: dem Deutschtum gleichgültig oder ablehnend bleibt und doch gleichzeitig in Deutschland eine einflußreiche Rolle erstrebt. Ein prinzipieller Irrtum etlicher Juden ist es, wenn sie dagegen äußern: Wir erfüllen unsere staatsbürgerlichen Pflichten, sind loyal und fordern nicht mehr, als die Verfassung jedem Staatsbürger zugesteht. Ihnen ist zu entgegnen: Nun wohl, der Staat tut euch ja auch nichts! Gesetz und Verfassung werden nicht mehr zu euren Ungunsten verletzt, als sie durchschnittlich zu irgendwelcher Gruppen Ungunsten sonst auch verletzt werden. Bedenket wohl: seit der Staat weniger als jemals euch benachteiligt, seit die Verfassung loyaler als früher zu euren Gunsten ausgelegt wird — seitdem, gerade seitdem ist der Antisemitismus angewachsen! Warum? Weil ihr seither mehr als früher Führung und Macht erlangt habt und dadurch der Konflikt zwischen euch und uns sichtbarer geworden ist, fühlbarer und ernster. War das Deutschtum vor eurem, gewollt oder ungewollt,, undeutschen Einfluß früher durch „Ungerechtigkeit" des Staates mehr geschützt als jetzt, so beklagen wir heute mit euch die Ungerechtigkeit. Aber wollen wir deren Wiederkehr verhüten, so müßt ihr zuerst begreifen: Auf lange hinaus wird kein Gesetz, keine Verfassung ein Volk abhalten davon, daß es e i n Volk sein will! Der Konflikt liegt nicht in Mängeln der Gesetzgebung und unloyaler Handhabung der Verfassung, sondern diese sind nur formaler, armer, dürftiger Ausfluß von Gesinnungen — in Gegensätzen der Gesinnung liegt der Konflikt! Und so muß dann einbekannt werden: Das deutsche Volk gibt zu erkennen, daß es politischen und geistigen Einfluß nur denen in größerem Umfang gewähren will, die ihm vertraut sind, sein Vertrauen x) genießen und als echte, produktive, mitfreudige, das Volkstum bejahende Glieder des Ganzen empfunden werden können. Darin liegt ein ganzes Bündel gewaltiger Forderungen an die deutschen Juden. Es mag später betrachtet werden, ob im Lichte einer /weltgeschichtliche Epochen umfassenden* Denkweise diese Forderungen durchwegs berechtigt erscheinen. Zunächst sollen sie auseinandergefaltet werden. Der Nachdruck liegt auf diesem: das Volk will Vertrauen seiner Glieder zueinander. Das heißt Ehrlichkeit. Das heißt: es darf keine Juden geben, die im Stillen Juden und mit Zähigkeit Juden sein wollen, aber doch alle ungeschriebenen Rechte der Deutschen beanspruchen und gar so tun, als seien sie Deutsche — der deutsch-maskierte Jude mit dem heimlichen Willen zum Judentum ist unerträglich. Die von gewissen Judengruppen beobachtete Manier, nach der man die jüdische Herkunft und Wesensart gewisser Juden und Abkömmlinge von Juden nicht erwähnen darf, ist unerträglich, sie schafft eine Atmosphäre von Lüge. Sternheim und Wassermann sind deutsch schreibende Juden; wer ihre Werke beurteilt und charakterisiert, muß im Bedarfsfall davon reden dürfen; lügenhaft ist es, so zu tun, als seien sie vollkommen gleich artig mit Hauptmann und Bartsch, mögen sie ihnen auch gleich w e r t i g sein. Sie sind nicht gleich- 1) Nicht das politische „Vertrauen" allein, das durch Wahlakte gewährt wird und einem Programmverfechter gilt, ungeachtet seiner sonstigen Gesinnungen . . .!