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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
375 (sequence 7)
Language
German
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 375 in der Politik, im Theater, in der Literatur, dem Kunsthandel, der Rechtspflege oder auf anderen Gebieten. Ein Volk wird innerlich durch vieles verbunden. Seinen Angehörigen ist vieles gemeinsam: außer dem Staat (und zuweilen der Kirche) und allen seinen Einrichtungen — die Sprache, die Sitte, die ethische Gesinnung, die ästhetische Gesinnung, die Grundzüge der Lebensführung, der Rhythmus und das Tempo des Daseins, die Gemütseinstellung u. a. m. Es ist ein Strom von Vertrauen möglich, der den einen mit dem anderen verbindet. In gewissen Zeiten geschieht es zudem, daß ein Volk sich will, daß es seine Eigenwertigkeit empfindet und betont und gar „pflegt". Dieser Wille bedeutet viel. Nur haben niemals alle an allem teil. Millionen Deutsche gehören anderen Staaten an. Dennoch erkennen wir sie als Deutsche. Anders ist es mit der Sprache; sie ist gewissermaßen fast unerläßlich — ein Deutscher, der nicht Deutsch versteht, wird kaum als zugehörig empfunden. Die Merkmale der Gesinnung usw., schwer genau zu umschreiben, können wohl teil weise fehlen, aber eine starke Abweichung vom Grundtypus entfremdet deren Träger dem Volk. Vollends, wer nicht deutsch sein will, deutsches Wesen ablehnt, brüskiert, bespöttelt, kann sich dies wohl leisten im heiligen Zorn des Erziehers und dann trotzdem als guter Deutscher gelten, kann aber nicht als Deutscher empfunden werden, falls es mit Kühle und Gleichgültigkeit geschieht. Die jüdischen Gruppen, von denen ich jetzt spreche, bestehen aus deutschen Staatsangehörigen und sprechen Deutsch. Aber die einen entziehen sich der Gemeinschaft, indem sie — meist unwillentlich, oft unwissentlich — deren Freude am So-Sein, deren Selbstbewußtsein und Selbstfreude mit kühler Gleichgültigkeit hinnehmen und nicht teilen. Die anderen treten gar spöttelnd und ablehnend dagegen auf. Beide Gruppen wollen nicht deutsch sein noch werden, einzelne wollen statt dessen Juden bleiben, andere wollen — nichts. Manche, recht viele sogar, suchen ihre jüdische Herkunft zu verbergen, etliche kehren sie hervor, die meisten scheuen sich trotz alledem nicht, Einfluß, Macht und Führerschaft im deutschen Volk zu erstreben. Hier entspringt d i e Quelle des Antisemitismus, die auch der loyale Deutsche als begreifbar anerkennen muß. Denn man muß das Folgende sich vor Augen halten. Seit die Völker „erwacht" sind, w o 11 e n sie zwischenmenschliches Vertrauen und zwischenmenschliche Gemeinsamkeit der Einzelnen. „Erwachen" eines Volkes heißt nichts anderes als: dieser Wille zum Vertrauen, zur etwas herzlichen Gemeinschaft, zur relativen Einartigkeit, zum herrschenden Typus, zur Selbstbetonung und~ Selbstfreude — alles Erscheinungen, die früher ungewollt und doch teilweise stärker einfach d a waren — springt an. Völker sind organismenähnliche Wesenheiten. Wie ein Einzelner eine als ungut erkannte Eigenschaft abzulegen, durch Selbsterziehung auszuscheiden trachtet, so suchen erwachte Völker Gruppen loszuwerden, welche sich dem Einklang nicht einstimmen mögen oder können. Der Antisemitismus wird so lange immer wieder entstehen — gleichviel, ob jeweils Demagogie ihn aufbläht oder Vernunft ihn zügelt! —, wie ein Teil der Judenheit gegenüber

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