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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 374

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
374 (sequence 6)
Language
German
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374 Wolfgang Schumann: Menschen überläßt, ob sie danach handeln wollen oder nicht. Forderungen aber, die naturgemäß tief eingreifen in seelische und praktische Verhaltungen, werden leicht aufgefaßt als „Zumutungen" und dementsprechend mit Schärfe oder Bitterkeit erwidert. Und doch ist es nicht zu ändern . . . Überdies aber ist die Angelegenheit an sich ungewöhnlich verwickelt. Ihre Komplikation liegt darin, daß die nichtzionistische Judenheit in Deutschland kein einheitliches Gebilde mehr ist, sondern allmählich den Charakter eines ,,Volkes" — den einer Rasse" hat sie längst nicht mehr — verliert und sich auflöst in eine Anzahl von „Volksbestandteilen", fragmentarischen Gruppen, welche noch mit dem ehemaligen „Volk der Juden" verbunden sind durch manch gemeinsames Merkmal, aber andererseits gewichtige Merkmale verloren haben und zu verlieren im Begriff sind. Noch mehr! Im Osten sitzt ausgesprochen jüdisches „Volk", und von dorther strömt es herzu und macht den Prozeß der Auflösung zum Teil wieder rückläufig — Probleme über Probleme! Suche ich vorsichtig zu unterscheiden, so bedarf ich zweier Kategorien, um Gruppen zu bilden. Zunächst die der Religion. Wir haben in Deutschland eine Anzahl orthodoxer Juden. Nun hat die jüdische Religion zwei Seiten: eine ethischmetaphysische Gesinnungsseite, welche das religiöse Gefühl ausrichtet und abklärt, und eine dogmatische und sittenregelnde, welche die Lebensführung ordnet. Man wird schwerlich glauben, daß die ethisch-metaphysische Gesinnung der Juden, ihre ethische Eigenfarbe, heute noch Konfliktstoff schafft. Hingegen bedingt die dogmatisch, von theologischen Regeln gebundene Lebensführung zweifellos einige Gegensätze. Denn sie bestimmt den Gesamthabitus der Menschen, entzieht sie dem Rhythmus der öffentlichen Ordnung (Sonntag gegen Sabbath! u. a. m.), umkleidet sie mit einer gewissen Unnahbarkeit, verhindert frei-harmlose Vermischung, erschwert nachdrücklich die Anpassung. Kurz: sie hilft die Judenheit als unverkennbaren „Fremdkörper" erhalten, sei es auch nur in kleinen Teilgruppen. Unter anderem, nicht religiösem Gesichtspunkt zerfällt die hiesige Judenheit in Gruppen, welche sich durch das Merkmal größerer oder geringerer Angepaßtheit, durch größere oder geringere Verschiedenheit vom Deutschtum unter sich unterscheiden. Ein kleiner Kernteil hat so viel „deutsche Züge", daß man ihn als deutsch, nicht mehr als fremdkörperhaft empfinden kann. Ein Teil dieses Teils will auch so sein und sucht sich einzugliedern, anzupassen, jüdische Wesenheit abzulegen. So empfand sich Walther Rathenau mit Entschiedenheit als Deutscher und wollte im Deutschtum aufgehen und wirken; konsequent richtete er an die Juden den berühmten Aufruf: Höre, Israel!, welcher nichts anderes war als die Forderung: Gebt die jüdischen Wesenszüge auf, die man willentlich aufgeben kann, und nehmt die deutschen an, die man sich aneignen kann. — Der größere Teil dieser Gruppe indes verhält sich entweder indifferent oder ablehnend in bezug auf Anpassung und Deutschtum. Sie sind es, die das eigentliche „Judenproblem" verursachen; am meisten, insofern sie sich stark mit den Angelegenheiten des deutschen Volkes beschäftigen, sei es

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