Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 373 sittliches und lebendiges Problem, Menschenglück und Menschenleben stehen auf dem Spiel, und das verträgt keinen Aufschub auf Grund vager Hoffnung. Die zionistische Bewegung könnte zum andern folgenden Zustand erreichen: Die Judenheit erhält ihren festen Kern und ihr produktivkonsumptives Geistzentrum in Palästina; was in Deutschland — in Europa — von Juden übrig bleibt, hört auf, sich am öffentlichen Leben maßgebend und beeinflussend zu beteiligen, wird „abstinent", während ein kleiner Rest sich vollkommen assimilieren läßt; die „abstinenten" nationalbewußten Juden würden dann in Deutschland so leben wie etwa die hier lebenden Österreicher . . . Dieser ganze Fall ist schwer ausdenkbar, er ergibt sich zwar durch theoretische Betrachtung, aber diese muß so viele Fragen offen lassen, daß kein recht beurteilbares Bild entsteht (wozu sollten z. B. überhaupt viel „abstinente" Juden hier bleiben? aus welchen Motiven? und würden sie nicht doch sehr bald wieder Einfluß suchen? usw. usw.). Im übrigen aber glaube ich überhaupt auch an dieses Zukunftsbild nicht. Und selbst wenn ich daran glaubte, so bliebe eben, genau wie im ersten Fall, unser Konfliktproblem für heute, morgen und übermorgen ungelöst. Nein! Uns ist das Problem aufgegeben. W i r sollen uns bemühen, es zu lösen, und dürfen nicht uns mit einer Hoffnung auf das Erez Israel der Zionisten beruhigen. Mehr! da ich hier zu Zionisten spreche, so muß ich auch dies aussprechen: ihre gegenwärtige „Abstinenz" sehe und erkenne ich sehr wohl; ich achte und verstehe sie; ich begreife, daß sie mit Notwendigkeit aus ihrer Grundhaltung entspringt. Nicht fruchtbar und nicht klug aber erscheint mir das stimmungsmäßige „Desinteressement" gegenüber unseren Konfliktproblemen, das man in zionistischen Kreisen häufig findet; noch sind die Zionisten und die Andern e i n Volk, sei es selbst in Teilung begriffen, noch gehen die Fäden und Strömungen herüber und hinüber, noch wirkt das Desinteressement der einen lähmend auf die andern — und vollends die Ansätze von Feindseligkeit auf beiden Seiten! O, ich weiß, wir sind alle Menschen, und Bruderzwist ist ein uraltes Erbteil. Und doch wagt sich der Wunsch hervor, die Judenheit möchte ihre Selbstteilung friedfertig und einvernehmlich vollziehen und bis zuletzt in d e n Angelegenheiten einhellig auftreten, welche das Volk als Ganzes berühren, da sie mit dem Volkstum zusammenhängen. Uns ist das Problem aufgegeben. Und ich habe nun zu sagen, daß die nichtzionistische Judenheit so wenig das Ihre zu seiner Lösung getan hat wie das deutsche Volk das Seine. Sie hat nämlich nichts getan. Sie wehrt sich mit mancherlei, meist mit relativ sehr anständigen Mitteln gegen den Antisemitismus; doch diese berechtigte Reaktion verschärft eher die Gegensätze, als daß sie sie milderte. Für die Lösung des Problems bedeutet sie nichts. Ich stehe am schwierigsten Punkt der Darstellung. Denn die Frage: Was könnte denn die nichtzionistische Judenheit tun? — diese Frage beantworten, sie rückhaltlos und aufrichtig beantworten, das klingt immer so wie: eine Forderung aufstellen, auch wenn man es schließlich den