Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Wolfgang S c.h u m a n n : Auf jüdischer Seite — bevor ich diese Frage behandle, möchte ich bemerken, daß die Juden es in gewissem Betracht leichter gehabt hätten, „etwas zu tun". Sie sind, oder waren zu Beginn der Problemperiode, mehr solidarisch als die Deutschen. Sie sind die kleinere Gruppe, sind weniger gespalten und als Eingestreute vielleicht auch etwas stärker verantwortlich. Aber auch sie haben viel versäumt — das Entscheidende. Keineswegs behaupte ich, daß von jüdischer Seite nichts geschehen sei. In erster Linie habe ich vielmehr hier der zionistischen Bewegung zu gedenken. Diese ist nun wohl nicht ausschließlich ein Versuch, das Konfliktproblem zu lösen; ich verstehe sie vielmehr als einen historischen Akt der Selbstrettung des jüdischen Volkes, das sich nicht etwa nur negativ einen Dauerkonflikt vom Halse schaffen, sondern vor allem sich positiv als Volk, ganz ungeachtet zeitlicher Konflikte, behaupten, konsolidieren und organisch einwurzeln will. Doch bedeutet praktisch und faktisch die zionistische Bewegung nebenher auch den Ansatz zur Lösung unseres Konfliktproblems, aus dessen Bitternissen sie mindestens m i t hervorgequollen ist; denn es ist so und wird ja gar nicht geleugnet, daß die Zionisten sich vor allem auch der unerträglichen Spannung des Diasporadaseins entledigen wollen und daß die Leidenschaft ihres Strebens nicht zuletzt sich aus den Leiden des Galuth speist. Nach alledem wäre also zuzugestehen, daß die Juden etwas sehr Bedeutendes zur Lösung unseres Problems geleistet haben. Wollte man aber weitergehen und etwa sagen: ,,Also!. Mehr war, mehr ist doch wahrlich von den Juden nicht zu verlangen, als dieser großzügige Versuch!", so könnte ich dies nicht zugeben. (Ich sehe einerseits mit gutem Grunde davon ab, daß dieser großzügige Versuch sehr spät erst kam, und ich bemerke anderseits zwischendurch, daß es sich nicht um ein prätentiöses „Verlangen" handelt, da ich ja nichts zu fordern, sondern nur Möglichkeiten und Tatsachen zu betrachten habe.) Als Deutscher muß ich vielmehr nach einem Menschenalter zionistischer Bewegung das Folgende bedenken. So ungeheuer bedeutsam für das Judentum der Erde die zionistische Bewegung sein mag, so groß ihre derzeitigen Erfolge erscheinen mögen, ja, so tief sie auch die Entwicklung der Konfliktverhältnisse in Deutschland beeinflusse, — dennoch und trotz alledem scheint sie mir die „Lösung" des Konflikts nicht zu bringen. Rein mechanisch könnte die zionistische Bewegung auf zwei Arten zu dieser Lösung beitragen, ja sie durchführen: durch Wegziehen aller Juden aus Deutschland oder durch Abstinentmachen der Verbleibenden. Sie könnte, theoretisch betrachtet, erreichen, daß alle Juden bis auf unbedeutende Reste, etwa von der Größenordnung der in Deutschland lebenden Spanier oder Schweden, Deutschland verließen. Die Meinung, daß es dahin kommen werde, teile ich nicht, und ich hoffe das nicht; selbst wenn jemand sie aber teilte, so müßte er doch wohl, schon aus Vorsicht, einsehen, daß wir darauf nicht warten und damit „rechnen" könnendes könnte vielleicht fünfhundert Jahre dauern, und in diesem Zeitraum könnte Entsetzliches aus dem noch immer offenen „Problem" entspringen; wir hätten dann trotz dieser Aussicht das Problem so zu behandeln, als ob die Aussicht nicht bestände; es ist ein