Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe 371 hineinzuschreiben, welche in einer ihnen abgeneigten Gesinnung keine genügenden Garantien hätten. Vielmehr war von vornherein das Problem auf dem Felde der Gesinnung und Sitte, des Taktes und Benehmens gelegen, und hier mußte und muß es gelöst werden; seine alltäglichen Auswirkungen und „Verwirklichungen", die Konflikte im Volksleben, welche zusammen das Problem bilden, machen auch keineswegs den Eindruck, ein Gesetzgeber, ein Gericht, eine Verfassung oder Verwaltung könne ihnen „beikommen". Nein, Erziehung, Selbsterziehung, Volkserziehung und Besinnung waren aufgerufen und bestimmt, das Problem seiner Lösung näherzubringen, und sie sind es noch. An diesem aber haben es beideVölker, Juden und Deutsche, fehlen lassen. Wiederum ist auch dieses sehr wohl begreiflich; denn die Völker haben wohl verantwortliche, bestellte Organe für Gesetzgebung und Verwaltung usw., aber nicht für Gesinnungsbildung und Sittenbeeinflussung; in dieser Hinsicht ist alles dem freien Willen der Politiker, Publizisten, Professoren, Lehrer, kurz dem Spiel der geistigen Kräfte überlassen, abgesehen etwa vom Geist der Schulerziehung, welche indes, wie die Gesetzgebung, durch das Medium der Regierung hindurch abhängig ist von überliefert-herrschender Gesinnung. Es erscheint auch ungemein schwierig, „Volksbeauftragte" für Gesinnungswesen zu schaffen — formuliert man es so, dann erscheint der Gedanke sogar lächerlich; denkt man aber an die Verhandlungen gewisser „Volksräte" in nationalgemischten Gebieten, so leuchtet ein, daß es in kleineren Volksgruppen wohl doch etwas wie eine maßgebende Instanz auch für Angelegenheiten außerhalb der Verfassungs- und Gesetzesordnung, auch für solche der Sitte, ja der Gesinnung geben kann. Nun wohl, in der Atmosphäre freien, unverantwortlichen Kampfes des Geistes, und folglich noch mehr: der Interessen, hat sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in Deutschland seit dem Ende des Ghettos entwickelt. Was ist geleistet worden? Von Seiten der Deutschen, wie ich frank bekenne, nichts als die Wiedergeburt des Antisemitismus. Das heißt: der primitive Ausdruck für das Dasein eines „Problems". Und obwohl zuweilen bis zur Parteiform hinauf organisiert, hat die antisemitische Bewegung eine diskutable Lösung des Problems nicht erbracht; dies ist ein entscheidendes Moment für die Beurteilung dieser Bewegung, soweit man sie nicht nur vom sittlichen Standpunkt aus betrachtet. Neben dem Antisemitismus gewahre ich weit und breit keine ernsthaften Bestrebungen oder Ansätze zur Lösung des Problems auf deutscher Seite. Vielmehr gewahre ich daneben vorwiegend eine Fülle von Akten primitiver Feindseligkeit und Quälerei, die sich in der Schule schon, später in allen Regionen des öffentlichen Lebens wider die Juden wenden und ganz wesentlich deren besondere — versteckt ressentimenterfüllte — Haltung innerhalb des deutschen Lebens verursachen. Dies ist eine lastende Schuld des Deutschtums, jedoch keine eigentlich „zurechenbare"; denn ^em sollte sie zugerechnet werden? Wie alle Sünden eines Volkes ist dies eine „Erbsünde", Überlieferung, aufgenommen mit naiver Selbstverständlichkeit. 24*