Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 367 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau: Bibelwissenschaft 367 glaubwürdig, dann darf man sich nicht wundern, wenn nicht bloß sein Judentum, sondern überhaupt seine Existenz geleugnet wird. Oder sie sind glaubwürdig, dann hat es, wenn Jesus kein Jude war, überhaupt nie einen Juden gegeben. Sehr dürftig ist auch das kurze Kapitel über die Rasse der galiläischen Bevölkerung. Gründlicher als dieser erste Teil, der wohl nur eine Einleitung mit abgerissenen Gedankensplittern sein soll, wird die Frage nach der Predigt Jesu behandelt. Trägt Form und Inhalt seiner Gedanken jüdische Eigenart an sich oder die Eigenart eines anderen Volkes? Um darauf zuverlässig zu antworten, muß man natürlich zuerst die „jüdische Eigenart" zur Zeit Jesus genau kennen. Referent hat aus dieser Schrift nicht die Überzeugung gewinnen können, daß derVerf asser, was hierzu unbedingt nötig ist, das jüdische Schrifttum, also vor allem den Thalmud in eigenem, zusammenhängenden Studium der Quellen in der Ursprache durchforscht hat. Er scheint alle seine Beispiele und Zitate erst aus zweiter oder dritter Hand zu haben. Daher der begrenzte Überblick und nicht wenig Mißverständnisse. Trotzdem muß er nach manchem Hin und Her auch hier zu dem Resultat kommen: Jal Jesus war Jude. Jüdisch ist erstens seine Ausdrucksweise. Wenn er aber meint, in den bekannten Seligpreisungen sei Einfluß griechischen Formgefühls zu erkennen, denn Jesu preise in beabsichtigtem Gegensatz weniger die selig, die jedermann preist, sondern zum Teil gerade die, die seine Zeitgenossen für unglücklich halten: &e geistlich Armen, die Leidtragenden usw. (S. 19), so sind gerade solche zugespitzte Paradoxe jüdisch und thalmudisch, 2- B. in den Sprüchen der Väter: wer ist weise? (nicht, wer viel weiß, sondern) wer ^on jedermann lernt. Wer ist stark? (nicht wer Städte und Länder, sondern) wer sich selbst bezwingt. Wer ist reich? (nicht wer viel hat, sondern) wer mit seinem Teil zufrieden ist usw. Aber schließlich ist solche ^aradoxie überhaupt der Stil geist- und temperamentvoller Sittenlehrer, der Rabbinen nicht minder als der Kyniker. Jüdisch sei auch die Anschaulichkeit der Reden Jesu, Jüdisch vor allem die Grundlage seiner Bildung. Aber seltsam ist wieder die Schlußfolgerung: der beste Beweis für Jesu enge Verbindung mit dem Alten Testament liegt wohl darin, daß er es vielfach anders versteht als seine Umgebung: so muß er es mit besonderer Hingabe ergriffen haben (23). Eher könnte man daraus umgekehrt schließen, daß er kein Jude gewesen sein kann. Und ebenso seltsam der weitere Schluß: „Wo er die Rabbinen bestreitet, verrät er genaueste Kenntnis ihrer Denkweise und ihres Lebens. Und die Rabbinen sind Juden". Übrigens ist es mit der genauesten Kenntnis nicht gar so weit her. Anders stehe es mit der „Grundanschauung". Von der der Pharisäer sei er durch eine Welt geschieden. Man könne Jesus nicht in einem Atemzuge mit Rabbinen nennen, die in Kleinigkeiten aufgehen. Dem Referenten ist kein einziger Rabbine bekannt,, der in Kleinigkeiten „aufgeht". Als Halachisten sind sie Systematiker, Detailforscher und Kasuisten, denen nichts zu klein sein darf, aber alle Kleinigkeiten des ganzen jüdischen Gesetzes sind nur tausendfältige Ausdrucksweisen weniger großer und tiefer Grundgedanken. „Aber es gibt auch Pharisäer, die ins Innere der Religion dringen." Sehr gnädig. „Hillel meint gelegentlich: „Im Gebote der Nächstenliebe werde das Gesetz erfüllt." Ebenso reden die Rabbinen zwar gelegentlich von Gottes Gnade (30). Oder: daß man Gott vor allen Dingen lieben soll, mit ganzer Seele, ist zwar ein Satz des Alten Testaments, aber die Juden betonen ihnen kaum so scharf wie Jesu. Keinen Satz haben sie sc härf er betont: dreimal täglich soll ihn sich jeder Jude sagenl Es ist die bekannte verschiedene Buchführung christlicher Theologen, wenn es sich um Christentum und Judentum handelt. Bei jenem kommt alles Schöne in den Text und das Unangenehme in die Anmerkungen, bei diesem umgekehrt. Daß Jesus im Gegensatz zu den Rabbinen den Verdienstgedanken beseitigt habe, ist nicht wahr. Durchaus herrscht im N. T. der Lohn- und Verdienstgedanke. Ausführlich und mit zur Sache kaum gehörigen Exkursen wird die Verschiedenheit der jüdisch-morgenländischen Auffassung Gottes als König und der griechischen als Vater behandelt. Dabei muß aber doch zugegeben werden, daß auch im Judentum Gott nicht selten Vater genannt wird und Jesus ihn sowohl König als Vater nennt. Ganz wie im Judentum, in dem eines der bekanntesten Gebete in jedem Satze mit dem Anruf: „Unser Vater! unser König!" beginnt. Durchaus schief ist auch, was der Verfasser über das Zeremonielle derFrömmigkeit der Rabbinen sagt. „Das Königreich der Himmel kann (!) man nach