Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 Umschau: Bibelwissenschaft wir, und daß das massenhafte Hinschlachten der Tiere den freien Männern der Religion als etwas Sinnloses erschienen sei und ihr Mitleid mit der wehrlosen Kreatur erweckt habe (S. 15), ist aus 11, 19 nicht herauszulesen und kann nicht zutreffen. Denn dann hätten sie jeden Fleischgenuß verwerfen müssen. J o h a n n e s L e i p o 1 d t: War Jesus Jude?1) Das für den Rassenantisemitismus in christlichen Ländern (nur in solchen kommt diese Kulturerscheinung vor) fatalste Faktum der Weltgeschichte ist der Umstand, daß der Stifter des Christentums, der das wahre Heil gebracht haben soll, selber ein Semit und Jude gewesen ist. Daher mußte, nachdem die Frage, ob Jesus Jude war, achtzehnhundert Jahr nicht einmal gestellt werden konnte, nunmehr alles aufgeboten werden, um jene unbequeme Tatsache aus der Welt zu schaffen, was wissenschaftlicher Charlatanerie und skrupelloser Sophistik denn auch glücklich gelungen ist: Jesus war kein Semit, sondern Arier und nicht Jude, sondern Germane. Der Verfasser der vorliegenden Schrift, neutestamentlicher Theologe und Professor in Leipzig, macht sich die Mühe, die „wohl nicht nur in Leipzig (dem Sitz des Professors des Antisemitismus Th. Fritsch) zeitgemäße Frage wissenschaftlich zu behandeln, niemandem zu Lust und niemandem zu Leide." Dieses Bestreben erkennen wir dankbar an, und schon einer der ersten Sätze^hat unseren vollen Beifall: „In der Rassenreinheit liegt das Heil nicht; es gibt auch keine alleinseligmachende Rasse." Auch enthält die Schrift manche lehrreiche archäologische Hinweise, aber an der Art, wie der Verfasser die Frage zu beantworten sucht, haben wir sowohl hinsichtlich der Methode als in Einzelheiten viel auszusetzen. Die Arbeit zerfällt in zwei ungleiche Teile: Die Abstammung Jesus — die Predigt Jesus. War Jesus, wie sein Stammbaum bei Matthäus und Lukas behauptet, ein Nachkomme Davids? Mit erstaunlicher Raschheit kommt der Verf. zu dem Resultat: „es ist also wahrscheinlich, daß Jesus Davids Sohn ist" (S. 10). Der einzige Beweis ist, daß es nicht unwahrscheinlich sei, daß man in den Tagen Jesu noch wußte, wer Davids Nachkomme ist. Auch soll sich nicht erweisen lassen, daß von den Juden in der Zeit Jesu oder der Apostel *) 74 S. Leipzig, A. Deichert 1923. Jesu Davidssohnschaft bestritten worden wäre. Und das soll ein Beweis sein? Es liegt doch auf der Hand, daß der Stammbaum von Abraham bis auf David, bis auf Joseph, den Vater Jesus, erst konstruiert worden ist, nachdem sich der Glaube gebildet hatte, daß Jesus der Messias sei: „auf daß erfüllt werde". War er der Messias, dann mußte er von David abstammen. Es ist uns auch nicht zweifelhaft, daß wenn dieser Stammbaum, mit dem das Neue Testament anfängt, im Alten oder im Thalmud stände, man ihn längst eine dreiste tendenziöse Fälschung genannt hätte. Sogar der Thalmud soll an einer Stelle (B. Sanh. 43a im unzensierten Text) die Davidsohnschaft Jesu unmittelbar anerkennen. Aber der Verfasser hat die Worte Karob l'Malchut mißverstanden. Dies heißt nicht: „mit dem (davidischen) Königshause verwandt'*', sondern: „der (römischen) Regierung nahestehend". Gegenüber diesem ersten Resultat wirkt um so überraschender das zweite, zu dem er mit noch größerer Eile gelangt: daß man mit Hilfe der Davidsohnschaft den rein jüdischen Ursprung Jesu nicht beweisen kann (11). Man höre die Argumente: 1. David wird zweimal „rötlich" genannt und das könnte soviel heißen wie blond. Der Verfasser scheint keine Ahnung zu haben, daß es unzählige Juden und Jüdinnen mit blonden Haaren und blauen Augen gibt. 2. David sagt von Jonathan: „deine Liebe war mir wundersamer als Frauenliebe". Das ist nicht jüdisch,, sondern scheint griechisch. Also eine so allgemein-menschliche Empfindung wie reine Freundschaft zwischen Jünglingen soll nicht jüdisch sein können? Aber, um nicht viel Worte darüber zu machen, Jonathan empfindet doch ebenso, vielleicht noch stärker gegen David; er, der Königssohn, tauscht mit ihm die Waffen, trotzt dem Zorn des Vaters und setzt seine Thronfolgerschaft aufs Spiel — war etwa auch Jonathan kein Israelit? 3« Wer verbürgt sich für die Rassenreinheit aller Ahnen Jesu, vor allem all seiner Stammütter? Sehr richtig! Für keinen Menschen auf der Welt kann dies geleistet werden, womit alle Rassenschnüffelei vergeblich und aller Rassestolz widersinnig wird. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß Jesus aus dem wie immer entstandenen Volk der Juden hervorgegangen ist. Reklamiert man ihn als den von David stammenden Messias, dann muß man auch seine jüdische Abkunft in Kaut nehmen. Entweder die Evangelien sind nicht