Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 364 (sequence 4)
- Language
- German
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364 Umschau: Bibelwissenschaft Johannes Nikel: Die Pentateuchf rage1). Klar und gemeinverständlich werden die schwierigen Probleme der Pentateuchkritik in dieser Schrift von dem Breslauer katholischen Theologen dargelegt und vorsichtig und mit Besonnenheit beurteilt. Überhaupt stehen die katholischen Bibelforscher diesen Fragen bis zu einer bestimmten Grenze selbständiger und freier gegenüber als die auf gewisse wissenschaftliche Dogmen eingeschworenen liberalen protestantischen. Selbst zu wenig beachtet (catholica sunt — non leguntur: katholisch! — braucht nicht gelesen zu werden!) gehen sie auch auf die Gegenargumente ein, die von jenen nicht einmal angehört werden, z. B. „Was den Stil der einzelnen Abschnitte im Pentateuch anbelangt, so ist es wichtig, daß sich in gewissen Stücken eine lebhaftere, feinere Darstellung beobachten läßt als in andern, besonders eine feinere psychologische Charakterisierung und Ausmalung. Aber man muß auch bedenken, daß der Stil eines Abschnittes oft abhängig st von dem gerade zu behandelnden Stoffe. . . Ferner ist zu bedenken, daß ein bestimmter Schriftsteller nicht bloß eine Farbe auf seiner Palette hat." (27). Oder: „Die meisten der pentateuchischen Gesetze haben eine in Kanaan ansässige, Ackerbau treibende Bevölkerung zur Voraussetzung; dieses Moment spricht nicht gegen die Autorschaft des Moses, da Moses in seinen Gesetzen auch ein Programm für die fernere Zukunft Israels, nicht bloß für den Wüstenzug aufgestellt hat." (32). Überhaupt sehen wir das Verdienst der Schrift besonders in der Schmucklosigkeit und Präzision, mit denen die wesentlichen Argumente für und wider referiert werden. Manche kritische Schwierigkeiten werden allerdings zu leicht genommen, z. B. in § 2 „Äußere Zeugnisse" und § 3, „Innere Beweismomente für die EntstehungdesPentateuch", während andererseits grundlosen Behauptungen zu rasch zugestimmt wird. Mit welcher Gedankenlosigkeit solche aufgestellt und nachgesprochen werden, mag folgendes Beispiel zeigen. In sämtlichen Darstellungen der Quellenscheidung wird anläßlich der Sintflutgeschichte, seit Astruc und Eichhorn dem Paradestück der Kritik, gelehrt: für „männlich und weiblich" sagt P sachar u-nekeba, hingegen J isch w-ischto. Und dabei ist Gen. 7a die einzige Stelle, wo 2) Biblische Zeitfragen, Zehnte Folge, Heft I/3« 83 S. Münster in W. 1921. Verlag der Aschendorffschen Buchhandlung. überhaupt dieser Ausdruck von einem Tierpaar vorkommt! Andereinstanzendes Sprachbeweises (wie jalad und holid, anochi und ani, aron berit und aron ha-edut) sind gleichfalls bereits widerlegt worden. Auch in bezug auf die „Wiederholungen" wird zu viel anerkannt oder nicht entschieden genug widersprochen. In dem Gesamtresultat (44 ff.) weicht der Verfasser, wie zu erwarten, nicht von der Entscheidung der päpstlichen Bibelkommission vom 27. Juni 1906 ab. Es wird interessieren, deren Inhalt mitzuteilen. Sie weist 1. die Ansicht zurück, daß der Pentateuch lediglich aus nachmosaischen Quellenschriften zusammengearbeitet sei und daß Moses daran keinen literarischen Anteilhabe; 2.*wirddie Meinung zugelassen, daß Moses den Pentateuch nicht mit eigener Hand geschrieben, sondern die Abfassung einem oder mehreren Männern überlassen habe, die seine Ideen wiedergaben,, und daß so die Differenzen im Stil und in der Wahl der Gottesnamen zu erklären sei; 3. daß Moses geschriebene Quellen und mündliche Überlieferungen benutzt und die ersten wörtlich oder zusammengezogen oder erweitert seinem Werke eingefügt habe; 4. daß der Pentateuch im Laufe der Zeit manche Veränderungen (Zusätze, Glossen, Änderungen des Ausdrucks, fehlerhafte Lesarten) erfahren habe — Konzessionen, die noch sehr eingeschränkt werden können. Wichtiger noch als diese literar-kritischen Fragen ist die Stellung zu dem religionsgeschichtlicheri Schema der Wellhausenschen Theorie. Mit Recht macht der Verfasser gegen dies evolutionistische Schema geltend, daß es auf apriorischen Erwägungen, welche die Richtigkeit der animistischen Theorie zur Voraussetzung haben, beruhe. Die Voraussetzungen von der Entstehung eines Volkes und einer Religion würden hinsichtlich Israels nur dann berücksichtigt werden können, wenn Israel in jeder Hinsicht ein Volk wäre wie andere Völker. Aber seine religiöse Entwicklung ist etwas so Eigenartiges, daß wir allgemeine Theorien nicht ohne weiteres auf Israel anwenden können. Die Wellhausensche Hypothese ist eine „Betrugshypothese", die ganze Religions- und Kultgeschichte nach ihr eine Kette von Irrungen, von bewußten Täuschungen und Usurpationen. Im letzten Paragraphen: „Die Glaubwürdigkeit des Pentateuch' ist u. E. zu viel, besonders von der Urgeschichte als geschichtlich in Anspruch genommen. Literatur ist reichlich angegeben. Aber z. B. unter den neueren Kommentaren zur