Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 363 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Bibelwissenschaft 363 frommer Verehrung: sie hielten ihn für etwas Heiliges, weil Demonax sich seiner bedient hatte, und bekränzten ihn, diesem zu Ehren, mit Blumen". Hier sehen wir handgreiflich, wie die Verehrung heiliger Steine, Bäume usw. entsteht und was sie ursprünglich besagen wollte. — Daß die Gebetsriemen Bibelsprüche als magische Formeln enthalten, ist uns neu, und wir Juden, die wir sie täglich anlegen, müßten es doch wissen. Wenn Septuaginta und N. T. sie als Amulette (Phylakterien) bezeichnen, so kann die Thorah nichts dafür. Ihr sind sie, wie der Zusammenhang klar ergibt, äußerlich sichtbare Zeichen des Bekenntnisses zu dem Einen Gott, dem sich der freie Israelit ganz und gar verschreibt. Es ist dieselbe Symbolik wie die des Abzeichens (mit oder ohne Inschrift), der Uniform, der Kokarde u. ä. Es ließen sich massenhaft Beispiele anführen, wie dann der Aberglaube solchen Abzeichen <z. B. dem Kreuze) magische Wirkung zuschreibt. — Wasserlustration soll als Abwaschung ein Gegenzauber, als Besprengung Zauber sein (27). Alle hierfür angeführten Gesetze der Thorah sind durchaus symbolisch gemeint. Als die Todfeindin aller Zauberei und Magie hat sie kein einziges substantiell, magisch und mystisch wirkendes Sakrament. Wir wollen hierfür eine untrügliche Beobachtung mitteilen: In der Thorah ist viel von Reinheit und Unreinheit die Rede. Aber es heißt niemals: A machtB unrein oder rein, sondern immer: wenn A dies oder jenes anrührt, ißt oder dergl., i s t er unrein, ö. h. die Unreinheit ist nicht etwas Materielles, die materielle Ansteckung eines Körpers durch einen andern, sondern eine vom Gesetz in religiös-erziehlicher Absicht gewollte Relation. Ebenso ist es mit Reinigung, Weihe, Heiligung, Sühne. Wenn man uns entgegnen sollte, daß dies erst eine spätere Vergeistigung sei, so fragen wir, wo denn die fetischistische Form zu finden sei und, was wichtiger ist, wie sich denn nachweislich das eine aus dem andern entwickelt habe. Selbstverständlich hat es alten Israel als einem naturwüchsigen Volke stets auch grobmaterielle, rohe, kindliche und kindische Vorstellungen gegeben. Aber diese „Volksreligion" gehört so wenig zu der Jon den maßgebenden Geistern gelehrten und aem Volksgewissen bestätigten Religion Israels, wie der stets wiederkehrende Dienst mder Götter oder wie der Volksaberglaube Teklenburg oder Italien in eine Geschichte öer christlichen Religion einbezogen werden dürfte. Überhaupt aber hat sich nie und nirgends auf der Welt aus dem Fetisch ein reiner Göttesglaube „entwickelt", während das Umgekehrte alle Tage geschieht. Religion ist nicht mit Wissenschaft, Kultur, Zivilisation und Technik, die immer mit rohen und irrenden Versuchen begonnen haben, zu verwechseln. Diese falsche Auffassung entsteht u. a. auch daraus, daß, sobald bei einer religiösen Handlung Gegenstände verwendet werden, man glaubt, diesen müsse notwendig materiell vermittelnde, also magische Wirkung zugeschrieben worden sein. Aber sie erfolgt nicht durch den Gegenstand, sondern nur unter seiner begleitenden Anwendung, zu der man sich durch das Streben, einen Gedanken sinnfällig darzustellen und anschaulich zu machen, getrieben fühlt. Sehr häufig ist es ferner, daß poetische und kraftvolle Bildermißverstanden und buchstäblich aufgefaßt werden. So nimmt der Aberglaube das Wort beim Wort, materialisiert die Idee und macht Bild und Symbol zum Fetisch und Idol. Am Anfang war das Symbol. Wenn man dies verkennt, wiederholt man den Irrweg des Aberglaubens. Der Fremde freilich, der außerhalb der Sache steht und nur die Gegenstände und ihre Handhabung sieht, ist leicht damit fertig, alles als abergläubische Praktik und eine symbolistische Erklärung als rationalistisch-apologetische Zurechtlegung anzusehen. Fetischismus gibt es immer nur bei den andern. So ist das Kreuz amHalse etwas sehrBedeutsames und die Taufe voll Tiefsinn und Erhebung, aber die Th'fillin der Juden sind magische Amulette und ihre religiöse Waschung ein Zauber. — Der ganze Gegenstand verlangt eine eingehende und ausf ührlicheBehandlung. Diese wenigen Bemerkungen möchten den Leser nur vor einer übereilten Zustimmung zu der modernen Entwicklungstheorie und ihrer Anwendung auf die Religion Altisraels warnen. Wir fürchten, daß die Studenten, für die das Buch bestimmt ist, einige Jahrzehnte älter geworden, bekennen müssen, daß sie sich unnützerweise mit Hypothesen beschwert haben, die inzwischen abgetan sind. Zum Schluß möchten wir noch gegen die zuerst von Ewaldaufgebrachte und durch Wellhausen allgemein gewordene Unterscheidung von israelitischer und jüdischer Religion protestieren. Die Religion Israels ist von den ältesten Zeiten bis auf die unsrige in Lehren, Gesetzen und Institutionen trotz aller Abstoßungen und Neubildungen eine einheitliche Größe;