Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
362 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109314--7100-3109440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3Ö2 Umschau: Bibelwissenschaft Verfasser nach zahlreichen früheren Arbeiten besonders zu Hause ist, eine Fülle von Anregungen und hellen Einsichten, wenn sie sich auch nur in knappen Sätzen kundgeben. Zu stärkerem Widerspruch reizt sein Standpunkt in den ersten Kapiteln. Die moderne Bibelwissensctiaft behauptet, in der Darstellung der israelitischen Religionsgeschichte Vorurteils- und voraussetzungslos zu sein. In Wahrheit ist sie, auch wo das leidige christliche Vorurteil sich nicht vordrängt, ganz und gar von einem Dogma beherrscht, dem Dogma der Entwick- 1 u n g. Hiernach wird mit den primitivsten Formen der Religion begonnen, aus denen sie sich nach äußeren Einwirkungen und inneren Triebkräften zu immer höheren Gestaltungen fortgebildet hat. Schematisch könnte die Entwicklungsreihe schließlich in der Form einer Genealogie nach dem Muster der biblischen gegeben werden, etwa: Zauber zeugte Fetisch — Fetisch zeugte Totem — Totem zeugte Tabu — Tabu zeugte Dämon — Dämon zeugte Mythos usw. Die Genealogie könnte sogar durch Zeitangaben vervollständigt werden: Zauber war dreitausend Jahre alt, da zeugte er Fetisch, und Zauber lebte, nachdem er Fetisch gezeugt hatte, noch sechstausend Jahre, da starb er (übrigens noch lange nicht!). Aber diese, insbesondere von Wilhelm Wundt in seiner Völkerpsychologie vertretene und heute sehr verbreitete Lehre von der Entstehung der Religion ist lediglich Theorie und Konstruktion, die sich hauptsächlich auf die Analogie der primitiven Völker gründet, und hat triftige Argumente gegen sich. Allein, sie mag richtig sein oder nicht, das eine steht auf alle Fälle fest: daß sie auf die Religion Israels nicht anwendbar und daß es unmöglich ist, aus -den Aussagen des A. T. eine fetischistische Religion Altisraels zu konstruieren. Es ist aber nicht nur unmöglich, sondern auch für das Verständnis höchst verderblich, weil jene Methode dazu verführt, sich, indem man für die primitiven Stufen nach Zeugnissen fahndet, an oberflächlichen Ähnlichkeiten genügen zu lassen, ohne den wahren Sinn 4er Aussagen zu prüfen, sodaß diese vergleichende Religionsgeschichte weit mehr Schaden als Nutzen stiftet. Hier eine Reihe von Beispielen solcher falschen Deutungen: Ein Träger der seelischen Kräfte soll auch 4er Name sein, dem man eine dingliche ^Existenz zuschrieb (S. 14). So gilt (sagt dazu Anm. 15) später besonders der „Name" des Gottes als eine selbständig am Kultort bestehende Größe, als ein Doppelgänger des Gottes (z. B. Dt. 12, 5. 11 u. o.); vgl. auch die mannigfachen Formen des Namenzaubers und das Namentabu. — Nicht ein einziges Beispiel gibt es hierfür im A. T.! Niemals bedeutet der Name Gottes etwas anderes als das Wort „Gott" mit seinem religiösen oder moralischen, fordernden, zurückschreckenden, begeisternden, tröstenden Gehalt. Der „Ort, an dem Gott seinen Namen wohnen läßt", ist der Ort, an dem alles durch ausdrückliche Benennung nach ihm als Stadt Gottes, Heiligtum Gottes, Altar Gottes, Priester Gottes an ihn und seine Forderungen erinnern soll. Von diesem ganz unzweifelhaft beabsichtigten und religiös unanfechtbaren Sinn ist der Aberglaube des über die ganze Erde verbreiteten Namenzaubers und Tabu wohl zu unterscheiden. Allerdings sehen sich Glaube und Aberglaube oft außerordentlich ähnlich, sie bedienen sich derselben Sprache und Ausdruckformen, aber dennoch sind sie ungleiche Brüder grundverschiedenen Geistes, und wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe. — Die Probe, die der Knecht Abrahams mit Rebekka am Brunnen anstellt, ist nicht Glaube an Vorzeichen (S. 20), sondern eine (übrigens in ihrer ganzen Feinheit noch nicht erkannte) Prüfung ihres Charakters. — Wenn erzählt wird, daß die Berührung der Lade und selbst ihr Anblick tötete, so ist das nicht der ernstgemeinte Glaube, daß die Lade die numinose, zauberhaft wirkende Verkörperung des Gottes sei, sondern eine Art, wie der Volksaberglaube die Warnung vor unberufener Annäherung an das Heiligtum vergröbert. — Wenn Josua (24, 27) einen Stein aufrichtet und spricht: „Dieser Stein sei Zeuge wider uns, denn er hat die Worte gehört, die er mit uns geredet, er sei ein Zeugnis wider euch, daß ihr eurem Gotte nicht ableugnet", so gilt der Stein so wenig als Verkörperung eines dämonischen Wesens (S. 22) wie Himmel, Erde und Berge, wenn sie zu Zeugen angerufen werden. Wie die Salbung des Steines, auf dem Jakob geschlafen hat, zu verstehen sei, möge eine Stelle erläutern, die mir zufällig bei Lucian aufgefallen ist. Seine Lebensbeschreibung des Philosophen Demonax schließt mit folgenden Worten: „Die gesamte Bürgerschaft trauerte lange um ihn; sogar der steinerne Sitz, auf welchem er, wenn er müde war, auszuruhen pflegte, war ihnen ein Gegenstand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.