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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 337

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
337 (sequence 15)
Language
German
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 337 VIIL Ich komme zum Schluß. Dieser Schluß fällt mir um so schwerer, als ich nach fortgesetztem Loblied auf den Expressionismus noch einige einschränkende Betrachtungen machen muß. Denn es heißt allgemein, der Expressionismus sei tot, und es scheint, daß wir hier versucht haben, eine Leiche lebendig zu singen. Der Expressionismus ist tot: das weiß bald jeder Gassenjunge. Denn alle jene, die so laut geschrien hatten: Ex-Expressionismus, die schreien jetzt: De-Depressionismus. Und es scheint, der Expressionismus ist durchaus nichts Neues gewesen, vielmehr etwas so Altes, daß er die Katerstimmung des heutigen europäischen Depressionismus durchaus rechtfertigt. Aber die Dinge liegen anders. Der Expressionismus war allerdings in allererster Linie eine jüdische Angelegenheit. Und da er sich im Abendland vollzog, also auf fremder Erde, war er kein konstruktiver Stil, sondern ein destruktiver. Was sich in ihm befreit hat, das war die gefesselte jüdische Seele; das war der in der jüdischen Seele verdrängt gewesene Orient. Und nur dadurch, daß die abendländischen Völker selbst an diesem Verdrängungskomplex zum Teil litten, nur dadurch wurde dieses spezifisch jüdische Ereignis zu einem gesamtmenschlichen. Für das Judentum war der Expressionismus die Stünde seiner seelischen Wiedergeburt. Im übrigen ist er naturgemäß ein Übergang; denn er vollzog sich ja auf fremder Erde; nur in der Zeit, nicht auch im Raum. Hier war Materie nicht zu bewältigen, hier war sie nur zu sprengen. Die große Kunst des Bildes ist aber die Bewältigung des Stoffes, ohne daß der Sprenggehalt selbst im Stoff erstickt ist: Expressionismus also in der Schale der Form, anschaubar durch das Auge und doch hörbar durch die Seele. Eine solche Kunst wird für das Judentum erst in der Zukunft möglich, wenn es auf eigner Scholle lebt und wächst. Insofern ist der Expressionismus nur als Schlagwort tot, nicht aber als Manifestation des ewigen Schöpferwillens. Es ist richtig: der Schöpferwille braucht Materie als Widerstand; die Ewigkeit braucht Raum, auf daß sie sich in der Zeit verwirkliche. Darum ist die radikale Musikalität des Expressionismus unmöglich für die Kunst des Auges. Denn der Expressionismus war so wenig Kunst des Auges, daß er den Fehler beging, nur Gesang, nur Seele darstellen zu wollen: und siehe, der Gesang und die Seele wurden aufs neue heimatlos. Waren sie vorher aus dem Stoff vertrieben worden, so standen sie jetzt dem Stoffe fremd gegenüber — Stoff und Seele wollten sich nicht mehr durchdringen. Heute, da uns diese Problematik des Expressionismus klar geworden ist, dürfen wir es aussprechen: die Kunst des Bildes ist eine Kunst des Auges, aber das Auge darf nur das Mittel abgeben auf dem Wege zur Seele. Die Pienipotenz des Auges hat die SeeU vertrieben, aber die Pienipotenz der Seele bedeutet für sie die Gefahr, daß sie sich heimatlos macht im Räume, und daß hier die Seele ist und dort der Raum, ohne daß beide sich im Eros liebend durchdringen. Die Seele hat das Recht, über dem Stoffe zu stehen, die Musikalität das Recht, über der Plastizität Heft 5/G. 22

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