Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 338 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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338 Heinrich B e r 1 : Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart zu stehen: aber Musikalität und Plastizität sind zwei ewige Grundmächte, die sich nicht entfremden dürfen, die sich vereinigen müssen. Nur so vermag die Seele zu leben, und nur so vermag der Stoff zu sein. Darum kann man sagen, daß der Expressionismus akademischer Prägung tot sei. Nicht tot sein kann der Expressionismus als Weltgefühl, das expressive Prinzip als Manifestation des Ewig-Schöpferischen. Der Durchbruch des Expressionismus war der Aufschrei der geknechteten Seele; und der Gefangene, der nach langer Haft die Glieder wieder frei bekommt, macht immer übermäßigen Gebrauch von den verdrängten Kräften. Was sich jetzt in der Kunst vollzieht als eine Art Synthetizismus, das ist nicht die Preisgabe des expressiven Prinzips, es ist nicht die Preisgabe des Willens und erst recht nicht die Preisgabe der Musikalität: es ist ganz einfach die Wiederberührung der Seele mit dem Stoff. Stoff ohne Seele: das war der Impressionismus; Seele ohne Stoff: das war der Expressionismus; Seele und Stoff: das ist die Kunst, die wir Synthetizismus nennen können und die nichts anderes ist, als die Kunst schlechthin. Das Unerhörte am Expressionismus war eben, daß er den ersten Versuch darstellte, das Schöpferische als Willen unmittelbar, tonne Verbindung mit dem Stoff, zu manifestieren. Daß er das nicht konnte, trug ihm das Todesverdikt ein; tot ist aber damit keineswegs das expressive Prinzip, das ja doch mit dem Schöpferischen unmittelbar zusammenfällt. Die jüdische bildende Kunst sieht heute den Weg klar vor sich liegen: er heißt Palästina. Erst dort, in der Wiederberührung des entwurzelten Menschen mit der heimatlichen Erde, wird sich die Kunst gebären können, die eine Synthese darstellt zwischen Seele und Materie1). Der Expressionismus war nur ein Auftakt. In Palästina aber mag sich das Wunder vollziehen: daß eine große nationale Kunst des Bildes entsteht, trotz des mosaischen Verbots und trotz der unplastischen Disposition der jüdischen Seele. Damit gibt das Judentum nichts auf von seiner historischen und metaphysischen Persönlichkeit. Es erweitert nur den Bezirk seines Seelenraumes; in der Zeit bleibt die Seele, was sie ist und war: musikalisch. *) Soeben erhalte ich das erste Heft der von Eugen Hoeflich in Wien neu herausgegebenen illustrierten Monatsschrift: „Das Zelt". Die Zeitschrift will besonders Darstellungen über die bildende Kunst bringen und berichtet bereits von dem Maler Viktor Tischler und von dem Bildhauer Samuel Zimmermann. Bemerkenswert scheinen mir für diesen Zusammenhang gerade die wiedergegebenen Lithos von Joseph F1 o c h, die eine glückliche Synthese darstellen zwischen Expressiv ität und der durch Palästina bereits fruchtbar gewordenen Anschauung des Raumes.