Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 336 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Heinrich Berl: hunderte, der darum auch das typische Mittel des Impressionismus geworden ist. Der Steindruck gibt die Möglichkeit der Massen Vervielfältigung, er ist, wie diese seine Möglichkeit, rein technischer Natur. Es fehlt ihm die Sprache der Persönlichkeit, die Sprache des verantwortlichen Künstlers. Ein anderer Einfluß gehört mit zu den Anregern dt,r Wiedergeburt des Holzschnittes: der chinesisch-japanische Holzschnitt. Hier ist die Linearperspektive aufgehoben, der Raum- und Körperillusionismus verschwunden und die reine Fläche als Ausdrucksmittel verwendet: ein Pendant zum Zweidimensionalismus der expressionistischen Malerei. Und was dort über die Elementargesetalichkeit der Flächenmalerei gesagt wurde, das gilt auch hier im gleichen Maße. Der chinesisch-japanische Holzschnitt steht jenseits der perspektivischen Raumauffassung und hat daher die Unendlichkeit des klingenden Kosmos, nicht die Endlichkeit körperhafter Plastizität. Überhaupt ist die Raumauffassung der chinesischen Kunst eine absolut kosmische, musikalische. Die abendländische Raumauffassung geht mit ihrer Hintergrundsperspektive auf Endlichkeit und Begrenzung, die chinesische Raumauffassung kennt weder Vordergrund noch Hintergrund; der Vordergrund ist in seiner Plastizität ganz bedeutungslos, der Hintergrund durch die großartige Mißachtung aller plastischer Unwesentlichkeiten ins Unendliche und Grenzenlose projiziert. Daher die geringe optische und die stärkere musikalische Wirkung der chinesischen Landschaft. Die jüdischen Graphiker des Expressionismus bewegen sich vorzugsweise innerhalb der Atmosphäre des Holzschnittes und der Radierung. Der Kubismus Picassos hat sich für den Holzschnitt besonders fruchtbar erwiesen: Feininger und Segall haben schließlich die Konsequenzen dahin gezogen. Die Holzschnitte Pechsteins sind von einer grandiosen Einfachheit und atmen stellenweise noch am ersten etwas von dem Geiste des asiatischen Holzschnittes. (,,Exotische Köpfe".) Jakob Steinhardts Holzschnitte tragen das Cachet seiner Gebärdensprache, wie in den anderen Gebieten so auch hier durchweg jüdische Motive behandelnd. („Jüdische Motive", ,,Die zehn Plagen".) Jüdische Sujets behandeln schließlich die Holzschnitte Josef Budkos, doch zählt Budko, wie schon erwähnt, nicht eigentlich zu den Expressionisten. Durchweg treffen wir bei diesen Holzschnittkünstlern auch die Radierung. Weiterhin als bedeutsam sind noch zu erwähnen: Ludwig Meidners Köpfe, die mit wenigen Strichen immer Wesentliches aussagen; Ernst Sterns etwas schwüle, aber zu rasender Sinnlichkeit aufgepeitschten erotischen Motive {„Sumurum"); Max Oppenheimers Portraits; Heinrich Tischlers biblische Motive. Ich stehe davon ab, weiterhin Namen anzuführen, zumal mir auch bei weitem nicht alle Expressionisten jüdischer Abstammung bekannt sind. Immerhin dürfte sich aus dieser Zusammenstellung bereits ergeben, daß wir es bei der expressionistischen Graphik mit einem spezifisch jüdischen Ausdrucksgebiet zu tun haben.