Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 335 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 33S Lage mit Gelb verglichen werden muß: diese drei Grundfarben emanieren eben unmittelbar aus den Grundtönen, weil sie ihnen notwendig inhärieren* Gerade den Zusammenhang zwischen Tonqualität und Grundfarbe zeigt uns sinnfällig das Beispiel Pechsteins. Er mag seine seltsamen Farben von der Südsee mitgebracht haben — was er an der Südsee fand, war doch wahrscheinlich nicht das Fremde, sondern gerade das Eigene, sein eigenes Selbst. Gewiß, seine Kunst wirkt wesentlich dekorativ. Aber dieses dekorative stilisierende Prinzip, dieser Illusionismus, diese Staffage, diese Zweidimensionali tat: sie sind alle Ausfluß seiner Farbempfindung, die nicht optischer Natur ist, sondern akustischer. Das Prinzip der Zweidimensionalität ist nämlich nur noch die letzte Folge reiner Musikalität. Die Dinge werden nicht optisch und damit isoliert in die Landschaft hineingesehen, sie werden nicht durch die Perspektive starr fixiert, sondern sie bewegen sich über die Fläche hin, steigen empor, statt in die Tiefe, bewegen sich in der Zeit, statt im Räume. Die Perspektive („la divina prospettiva") entstand mit der Renaissance, und mit ihr begann die Eroberung, die Beherrschung des Raumes. Es ist nur im metaphysischen Sinne konsequent, wenn mit der Hinwendung zur Zeit — zur Ewigkeit — auch in der bildenden Kunst eine Abkehr stattfindet von der Dreidimensionalität und eine Wiedergeburt der vortrecentistischen Zweidimensionalität beginnt, der Fläche, die viel unmittelbarer die Unendlichkeit des Raumes ausdrücken kann, als die Perspektive. Mit der Wiedergeburt der Zweidimensionalität aber wurde notwendig auch die Musikalität des Bildes wiedergeboren, in der eigenartigen Rhythmik des Flächigen und in der Klangsinnlichkeit der verwendeten Farbe. Pechstein ist für beide Dinge eine der charakteristischsten Erscheinungen VII. Die expressionistische Graphik bildet ein Kapitel für sich. Nicht daß etwa Picasso, Kandinsky, Pechstein, Meidner, Chagall, Segall, Feininger usw. nicht auch zum graphischen Expressionismus zu rechnen wären: das Überwiegen des Zeichnerischen über das Malerische wies ihnen schon von selbst den Weg zur Graphik. So gehören also gerade sie mit zu den Führern des graphischen Expressionismus. Die Gründe einer Sonderbetrachtung liegen tiefer. Es hat sich auch innerhalb der Graphik ein schroffer Gegensatz zum Impressionismus herausgestellt, der nicht tief genug erfaßt werden kann. Die expressionistische Graphik hat unter Umgehung der Entwicklung der graphischen Mittel wieder beim Anfang aller graphischen Kunst angeknüpft: beim Holzschnitt. Das ist gar kein Archaismus, sondern Notwendigkeit. Denn im primitiven Holzschnitt manifestiert sich die musikalische Bewegtheit der Seele am deutlichsten und unmittelbarsten. Der Holzschnitt des 15. Jahrhunderts ist von unheimlicher Suggestivität der musikalischen Sprache. Noch in der Radierung: des 17. Jahrhunderts geht der Strom starker Musikalität, wie ja das Barock als Kunst der Gegenreformation — wieder direkt an die Musikalität der Gotik anknüpfte. Zu Ende geht sie erst in dem Steindruck des 19. Jahr-