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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 334

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
334 (sequence 12)
Language
German
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334 Heinrich Berl : mittelbaren Bewegtheit des ganzen Menschen kommt, so wirkt sie auch unmittelbar auf sein Bewegungssystem. Sie ist also ein vorzugsweise rhythmisches Mittel. Und hier kommen wir wieder auf jenes große principium identitatis der jüdischen Seele: auf die Musikalität. Die Gebärde ist ein rein musikalisches Mittel des Ausdruckes. Man betrachte dies nicht etwa als eine Konstruktion um der Konstruktion willen: der künstlerische Ausdruck der Gebärde ist bekanntlich der Tanz; der Tanz anderseits ist aber nichts anderes, als eine fortgesetzte Koordination von Gebärden. Insofern besteht z. B. ein unzweifelhafter Zusammenhang zwischen dem starken Gebärdenspiel des Chassid und seinem religiösen Tanz: beides kommt aus der Sphäre des unmittelbaren Bewegtseins, aus der immanenten Rhythmik der jüdischen Seele. Bei Meidner zeigt sich diese forcierte Gebärde sogar in seinen apokalyptischen Landschaften. Ein klassisches Beispiel ist aber das Aquarell: „Pauli Verzückung": hier ist die Gebärde bereits übersteigert zum ekstatischen Tanz: Gebärde und Tanz sind unmittelbar eins geworden. Der Expressionismus hat gemäß seiner musikalischen Urgesetzlichkeit die Gebärde wieder besonders kultiviert; daß aus dieser Force vielfach — Farce wurde, darf uns doch nicht abhalten, die Gebärde als berechtigtes Kunstmittel anzuerkennen. Die Gebärde ist eine Aussage, eine Aussage der Seele. Alle Menschen von urleidenschaftlicher Bewegtheit sprechen vorzugsweise die Sprache der Gebärde. Zu ihnen zählt auch der Ostjude, dieser Mensch, der plötzlich aus der Nacht seines Chaos in das Licht der Geschichte hervorgebrochen ist. Der Westjude blickt meist verächtlich auf seinen immer lebhaft gestikulierenden Bruder, aber wer zweifelt heute noch daran, daß in diesem, am ganzen Leibe bewegten Menschen mehr Seele steckt, als in dem in jeder Gebärde steril gewordenen Westjuden? — Die Gebärde ist musikalischer Ausdruck par excellence, und darum wird alle große bildende Kunst Gebärde haben müssen, weil sie zugleich musikalische Kunst sein muß. Der Einfluß Pechsteins ging von der Suggestivität seiner Farben aus. Es gab bei den Expressionisten ausgesprochene Pechsteinfarben. Diese Farben waren vor allem Grundfarben, vergleichbar in der Musik etwa mit der Ganztonleiter, die aus Grundtönen besteht und von jüdischen Komponisten besonders gern bevorzugt wird. Diese Grundfarben haben die merkwürdige Fähigkeit, nicht optisch zu wirken, sondern rhythmisch; man empfängt von ihnen keine Beruhigung, sondern einen gar nicht aufzuhaltenden Impuls der Bewegung. Ihre Essentialität ist in der Tat eine rein musikalische. Daran kann nur zweifeln, wer keinen Sinn für den Zusammenhang der Farben und Töne hat. Wer einigermaßen begreift, was Synästhesie ist, der wird Scriabins Versuch* mit einem Lichtklavier die Farben der Töne gleichzeitig optisch und akustisch darzustellen, zwar nicht gerade als musikalisch schöpferische Leistung, so doch als einigermaßen gelungenes Experiment bewundern müssen. Anderseits wird er auch verstehen, warum die untere Lage der Töne mit Blau, die mittlere Lage mit Rot, die obere

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