Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 333 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 333 sischen Zusammenhang empfunden zwischen der Seele des Menschen und den Gestirnen. Die Formation der jüdischen Seele weist stärker auf das Gestirn der Nacht als auf das Gestirn des Tages — das bedeutet aber zugleich ihre stärkere Musikalität und ihre geringere Plastizität. Segall ist darin ein symptomatisches Ereignis und zugleich eine symbolische Gestalt. Steinhardts Rhythmik entlädt sich in der Gebärde. Seine Gestalten sind aufgewühlt, seine Gesichter zerrissen. Und seine zerrissensten Gesichter singen9 singen Klagelieder. Steinhardts jüdische Gestalten sind nur ein Schrei des Leidens, des Schmerzes. Hiob in hundertfacher Verkleidung; alles ist Hiob. Die Golustragik schreit sich aus. Hauch der Verwesung liegt darüber (ein Bild heißt: „Vergänglichkeit"); aber diese Verwesung ist unheimlich schöpferisch. Wenn ein Künstler berufen ist, das namenlose Leid des östlichen Juden zu malen, so ist es Steinhardt. Hier ist so etwas wie echte jüdische Kunst. Steinhardt ist nicht nur Künstler jüdischer Abstammung, sondern wirklich jüdischer Künstler. Falsch wäre es allerdings, alle anderen Künstler jüdischer Abstammung deshalb nicht zu dem Begriff „jüdische Kunst" zu rechnen. Ob bewußt jüdischer Künstler oder unbewußt: entscheidend ist allein die Substanz. Ihr begegnen wir aber nicht nur bei Steinhardt und — wie wir nachher noch sehen werden — bei einigen anderen bewußt jüdischen Künstlern, sondern bei allen, die irgendwie im Blute mit dem Judentum verbunden sind. Steinhardt vereinigt zufällig beides in sich: bewußtes Judentum und europäisches Format, aber jene Künstler, die ebenso zufällig nur europäisches Format haben, ohne darum bewußt Juden zu sein, ja, die vielfach sich leidenschaftlich wehren, überhaupt als Juden angesprochen zu werden: sind sie darum nicht doch — jüdische Künstler? Was können sie dafür, daß ihnen eine zur Zivilisation verrohte Kultur dieses Bewußtsein nahm? Entscheidet nicht zuletzt doch etwas anderes, als das kleine lächerliche Bewußtsein? VI. Mit Max Pechstein und Ludwig Meidner kommen wir zu zwei Künstlern, die wohl den stärksten Einfluß auf den Expressionismus in Deutschland ausgeübt haben. Pechstein in der Farbe, Meidner in der Gebärde. Da zu den Hauptmerkmalen des Expressionismus die starke Gebärde zu rechnen ist, darf die Bedeutung Meidners vor allem nach dieser Seite hin nicht unterschätzt werden. Wie die exklusive Gebärde am jüdischen Menschen auffällt (sie veranlaßt die nicht jüdischen Völker meist zur Karrikatur des Juden), so hat auch die jüdische Kunst eine starke Neigung zur Gebärde. Sie ist uns eben bei Steinhardt aufgefallen. Meidner gibt aber ausdrücklich Anlaß, uns mit dieser Seite der jüdischen bildenden Kunst besonders zu beschäftigen. Die Gebärde ist reiner Ausdruck; sie sagt etwas aus. Sie ist kein Mittel, das nur auf das Auge wirkt; sie wirkt auf die Seele. Das heißt eben: sie wrkt nicht rein anschaulich, sondern beweglich. So wie sie aus der un-