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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 332

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
332 (sequence 10)
Language
German
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332 Heinrich Berl: deuten ein Programm, das expressionistische Programm schlechthin. Von Kandinsky und Picasso, den beiden Hauptgestalten dieser Bewegung haben wir schon gesprochen. Eine starke Ergänzung im Hinblick auf die Bedeutung und auf die Art bietet der zwischen Rußland und Frankreich stehende Marc Chagall. Chagall malt Vorgänge; seelische, intellektuelle, dramatische. „Ich und das Dorf": die Erinnerung an das Heimatdorf (vermutlich) steigt vor seiner Seele auf. Alle plötzlich, kattaraktartig auf ihn einstürzenden Visionen will er, muß er festhalten; und das Bild wird zu einer Erzählung. Chagall erzählt immer; aber meist lyrisch beschwingt oder dramatisch, nie episch. Dadurch fällt das Bild in Motive auseinander; es sieht aus wie eine Analyse. Und doch ist es keine Zerlegung, sondern eine Zerstörung; eine Zerstörung der Ruhe; eine Musikalität seltenster Ausmaße. Chagall komponiert seine Bilder wie Kandinsky. Und diese Kompositionen sind nicht minder vulkanisch als jene. Arme fliegen, Köpfe wirbeln, Beine tanzen: alles ist ruhelos, von unheimlicher Dynamik gepeitscht. Ähnliches findet man nur noch in der frühtoskanischen Malerei. Diese Malerei analytisch zu nennen, ist vollkommen sinnlos; sie ist rein musikalisch. Musikalität sprengt, treibt auseinander, eruptiv, gewaltsam, aber sie zerlegt nicht, wie die Analyse. Chagall ist Musiker wie Kandinsky und Picasso; darum die Ungeduld, das Drängen, die Dämonie, die aus allen seinen Bildern spricht. Segall ist kindlich. Er zeichnet wie die Kinder. Dieser Infantilismus ist nicht gewollt; er ist notwendig. Däubler sagt, Segall liebe den Mond, wie das ganze Judentum. Nun denn: der Mond ist das Gestirn der Nacht, sein Licht scheint kalt, aber es ist unheimlich. In dieser Liebe zum Mond, zur Nacht liegt die jüdische Musikalität begründet. Die Sonne teilt die Formen auseinander, sie läßt sie einzeln, plastisch greifbar sehen, erkennen; der Mond übergießt alles mit magischem Licht, die Dinge rauschen ineinander, sie werden zum Gesang. Daher kam es, daß die Romatiker, diese Musiker der Dichtung, den Mond höher stellten als die Sonne. Und Abraham, ein Priester des Mondes, wanderte aus Ur in Chaldäa aus, als Hammurabi den Kult des Marduk, des Sonnengottes, einführen wollte; und das Volk, das aus jener protestierenden Urgemeinschaft entstand, das Judentum, ist heute noch ein Volk des Mondes, nicht der Sonne. — Segall ist darin echtester Jude. Er singt Hymnen an den Mond. Und alle Hymnen an den Mond sind kindlich. Hier begegnet uns die Wurzel des jüdischen Infantilismus, die Wurzel der jüdischen Kindlichkeit: in der Liebe zum Mond. Denn die Menschen der Sonne sind Menschen der Vielfalt, sie sehen die Dinge vielfältig, auseinandergefallen, ohne Bindung; die Menschen des Mondes sind Menschen der Einfalt, alle Dinge sind hier in ihrer Isolation aufgehoben, sie fließen ineinander, sind eins, sind gemeinsam, stehen in gegenseitiger Beziehung. Sonne und Mond: sie sind eben nicht nur zwei Gestirne, sie sind zwei kosmische Symbole ersten Ranges, und schon die alten Babylonier haben in ihrem „System der Entsprechungen", in ihrem System der kosmischen und der irdischen Korrespondenzen 'den tiefen metaphy-

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