Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 331 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart hundertfachen Brechungen. Daher kommt es auch, daß ein Bild in Grundfarben immer musikalisch wirkt, wie man anderseits die Welt der Töne auf die Grundfarben Blau, Rot und Gelb reduziert hat. Guillaume Apollinaire, der Dichter der „Calligrammes", sagte von Picasso: „Geistig mehr Lateiner, rhythmisch mehr Araber." Damit ist das Richtigste und Beste über Picasso ausgesprochen. ,,Geistig mehr Lateiner": das ist seine starke Verstandeskultur, seine Vorliebe für intellektuelle Probleme in seiner Kunst. „Rhythmisch mehr Araber": das ist nicht etwa seine spanische Herkunft, woran Apollinaire gedacht haben mag, sondern sein latenter Semitismus, seine jüdische Musikalität, die mit seinem Verstände dauernd im Kampfe steht. Picasso belebt die starre Geometrie seiner kubischen Formen durch einen unaufhaltsam drängenden Rhythmus, der die Würfel und Linien hebt und senkt. Man vergleiche dazu nur Bilder wie „L'homme ä la clarinette", „L'homme ä la mandoline" und „Guitare", und man wird verstehen, was hier gemeint ist. Mit diesem Hereinspielen des Rhythmus in die abstrakten Formen ist gerade diese ihre Abstraktheit, gerade ihre intellektuelle, analytische Seite aufgehoben, und ein pulsierender Strom fließt dahin, sich tausendfach im Sonnenlicht des warmen Lebens spiegelnd. V. „ Es ergeben sich bereits jetzt einige hervorstechende Merkmale, die sich, um ihrer Extremität willen, als spezifisch jüdische bezeichnen lassen und die zu den allgemeinen charakterologischen Merkmalen des Judentums zählen: die Verzeitlichung dieser Raumkunst par excellence durch die Hereinbeziehung des Rhythmus, der Bewegung — kurz: ihre Musikalisierung; ferner sehen wir die Hervorhebung des Zeichnerischen über das Malerische, womit die Linearität, musikalisch gesprochen: die Melodie, sich über die Farbe als Mittel der Harmonie erhebt; bei der Farbe selbst sehen wir die Betonung ihres Klangwertes durch die Grundfarben und damit die Betonung des Dekorativen; weiterhin ist hier im vorwegnehmenden Sinne die Gebärde zu erwähnen, die mehr oder weniger bei aller jüdischen Kunst ins Auge fällt; bei den Kunstformen schließlich sehen wir eine spezielle Kultur des Graphischen, was sich auch aus der Koordinatenreihe: Zeit Musikalität Rhythmus Zeichen Klang von selbst ergibt, weil die Graphik das eigentliche Mittel des Zeichens, der Linie, der Musikalität ist. Von hier aus lassen sich nun die vielen jüdischen Expressionisten sehr leicht betrachten, ohne daß jeweils ein Hinweis auf ihr spezifisch Jüdisches erforderlich ist. Fassen wir etwa die Haupterscheinungen des Expressionismus wie folgt zusammen: in Rußland: Wassily Kandinsky, Marc Chagall, Lasar Segall, Jakob Steinhardt; in Frankreich: Pablo Picasso, Simon LeVy; in Deutschland: Max Pechstein, Ludwig Meidner, Lyonel Feininger, so ist an diesen nur andeutungsweise ausgelesenen, absichtlich beschränkten Namen das oben "Gesagte in seinem vollen Umfange zu erkennen. Diese Namen be-