Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 330 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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330 Heinrich Ber 1 : Ergebnisse ihres Bewußtseins, sondern ihr Bewußtsein um beides ist Ergebnis ihrer bewußtlosen Dämonie. Wer den dämonischen Zwang dieser beiden Künstler verkennt, mit dem sie den Weg der radikalen Musikalitsierung aller Erscheinung gehen, der hat nicht die geringste Ahnung davon, was bewußt ist und was unbewußt. Kandinskys Wirkung auf die moderne Malerei ist nur mit der Wirkung -Schönbergs auf die moderne Musik zu vergleichen. In Rußland, wie in Deutschland und Frankreich. Gleich diesem liegt seine Bedeutung vor allen Dingen in seinem Radikalismus. Man sucht heute schon aus der Musik Schönbergs eine organische Logik herauszukonstruieren, und bei den Bilder-Kompositionen Kandinskys ist es ähnlich. Wenn in beiden Fällen auch das Gegenständliche als Forderung wieder stärker in Erscheinung tritt, so ist das nur selbstverständlich und bedeutet keineswegs die Bankerotterklärung des expressiven Prinzips. Das Gegenständliche ist notwendig zur Manifestation aller Kunst, nur darf es nicht primär sein; primär ist einzig die Expressivität und mit ihr die Musikalität. Zwei Erscheinungen wie Kandinsky und Schönberg waren notwendig mit ihrer radikalen Negation alles Gegenständlichen, weil die Zeit vor ihnen es überschätzt hat. Eine gewisse Tragik liegt zweifellos über ihnen, aber es ist die Tragik der Sendung.- . Immer wenn die Menschheit erstarrt ist im toten Wust der Satzung, werden solche Menschen erscheinen müssen, um das ewige Leben zu lehren. Eine andere große Wendeerscheinung ist Pablo Picasso. Picasso kommt aus dem romanischen Kulturkreis, nicht wie Kandinsky aus dem russischen. Aber wie aus Kandinskys Russentum ein versteckter Asiatismus hervorgebrochen ist, so aus Picasso ein verstecktes Äthiopiertum. Picasso hat bei der Negerkunst sein Selbst gefunden. Und in ihrem Prisma brach sich seine heimliche Seele. In der Plastik der Neger ging ihm die Welt des Kubus auf. Und er wollte sie auf die Leinwand übertragen. Nicht in ihrer Plastizität, sondern in ihrer unheimlichen Musikalität. Schon lange hat man erkannt, daß der Kubismus Picassos weit weniger «ine Kombination des Flächigen mit der Plastizität darstellt, als vielmehr «in musikalisches Ineinanderspielen geometrischer Grundformen. Der Kubismus ist musikalisch, nur musikalisch. Das sehen wir in seinen beiden Abkömmlingen, dem italienischen Futurismus und dem deutschen Dadaismus, die das formsprengende, rhythmische Prinzip bis ins Groteske und Absurde gesteigert haben. Mit den gleichen Mitteln wie Kandinsky versuchte Picasso die Kunst des Bildes zu erneuern: mit der Farbe als Klang und mit der Linie als Rhythmus und Melodie. Picassos Vater ist Zeichenlehrer, seine Kunst selbst ist zeichnerisch, nicht malerisch. Das Zeichnerische ist aber jene andere Welt, die Welt des Rhythmus, nicht die Welt 4er Harmonie, wie das Malerische. Dem widerspricht durchaus nicht das Mittel der absoluten Farbe, wie es besonders Kandinsky verwendet hat und wie es uns bei einem Maler wie Max Pechstein wiederum begegnet. Die absolute Farbe ist kosmisch, wie das Zeichen, relativ sind nur ihre