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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 329

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
329 (sequence 7)
Language
German
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 329 Frühzeit wird, wo alles musikalisch war, Nietzsche hat einmal — in „Menschliches, Allzumenschliches" — erkannt, daß Musik immer in späten Zeiten blüht, und doch wollte er die Kultur aus dem Geiste der Musik erneuern. Aber das Parddoxon löst sich: weil alle Spätzeit zugleich wieder Frühzeit wird, weil alle Kultur nicht nur mit Musik aufhört, sondern vor allen Dingen auch mit ihr neu anfängt. Der spätzeitliche Charakter des Judentums kommt darum der Musik und den Ausdrucksformen, die irgendwie musikalischer Provenienz sind, wie z. B. die Graphik, besonders entgegen. IV. Der Durchbruch der musikalischen Grundkonzeption des Bildnerischen geschah also nicht plötzlich. Er bereitete sich vor in dem Impressionismus Liebermanns und in der impressionistischen Graphik von Pissarro bis Hermann Struck. Aber was im Expressionismus geschah, das war die postulative, programmatische Betonung des Musikalischen, das war die Konzeption der Welt aus dem Geiste der Musik. Damit brachte er notwendig die Verschiebung des künstlerischen Aspektes von der Welt der Erscheinung zur Welt des Wesens, von der Welt der Gestalt zur Welt der Seele. Das Erlebnis des Kosmos sollte unmittelbar durch das Prisma der menschlichen Seele gebrochen werden. Der Impressionismus hatte gesagt: auch der Kosmos ist nur Teil, der teilbar ist; der Expressionismus sagte: auch der Teil ist nur Kosmos, der nicht teilbar ist. Partikularität und Totalität standen sich hier gegenüber, und jede betonte ihre Extremität. Die bewußte Forderung der Musikalität erhob Wassily Kandinsky. Kandinsky, ein in Rußland geborener Jude, kam in einer Zeit nach München, da man die Sezession der Impressionisten noch als ein Nonplusultra bestaunte. Hier mußte er revolutionär erscheinen. Farbe als Klang und Linie als Melodie und Rhythmus: dieses Postulat Kandinskys mußte befremdend wirken in einer Atmosphäre, die für Musik, für absolute Musik keinen Sinn hatte. Aber Kandinsky hat es nicht nur postuliert, er hat es im Bilde verwirklicht. Nicht so zwar, daß er es zuerst postulierte und dann verwirklichte, sondern ähnlich wie Arnold Schönberg in der Musik: daß er es zuerst verwirklichte und dann in einer Schrift: „Über das Geistige in der Malerei" postulierte. Viele Kandinsky-Nachbeter mögen in der Tat, wie behauptet wird, seine Bilder nie gesehen, nur seine Schrift gelesen haben, wie auch viele Schönberg-Nachahmer nur seine „Harmonielehre" kennen, aber nicht seine Werke: wichtig ist in beiden Fällen, daß nicht zuerst die Theorie war, sondern die Kunst, oder mindestens, daß parallel mit der zunehmenden Bewußtwerdung auch die Kunst wuchs. Wer daraus den Schluß ziehen wollte, daß beider Schaffen intellektuell sei, bloß weil die intellektuelle Einsicht mit der schöpferischen Äußerung wuchs, der verkennt bei beiden den im höchsten Sinne unbewußten Prozeß, unter dessen Zwangsläufigkeit ihr Werk steht. Kandinsky malt amorph, Schönberg komponiert atonal: aber beide,1 Amorphie und Atonalität, sind nicht

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