Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Heinrich Berl: pressionismus bewußt zur Anwendung zu bringen. Die Wahrheit ist, daß Israels — zumal er auch vorimpressionistischer Maler war — jenseits dieser intellektuellen Strömung steht, wie auch Millet, von dessen Kunst er im gewissen Sinne herkommt. Andererseits ist Israels das Haupt der modernen holländischen Schule geworden, worauf Liebermann in seinem Büchlein hinweist: „ob Bosboom Kirchen-Interieurs, Maris Stadtansichten, Mesdag Marinen, Mauve Kühe und Schafe malt, ein jeder verdankt ihm (Israels) etwas". Dieser erste jüdische Maler der neueren Zeit ist zugleich auch der Führer einer ganzen neueren Schule geworden. Liebermann anderseits, der nicht nur von dem „natürlichen" Impressionismus Israels ausgegangen ist, sondern auch von dem theoretischen, ist ebensosehr einer seiner Überwinder geworden. Bereits mit der starken Wendung zur Graphik, die in Frankreich etwa durch Charles MeYyons eingeleitet wurde, bereitete sich langsam die Abkehr vom Impressionismus vor, wenn man zunächst auch versuchte, die Graphik malerisch zu impressionistischen Zwecken zu verwenden. Graphik ist das Ausdrucksmittel der absoluten Gegenwelt des Impressionismus. Die Graphik als zeichnerisches Mittel [kann uns vorzugsweise von der Welt des Innen erzählen; darum hat sie im Expressionismus erst ihre eigentliche Bedeutung erfahren. Liebermann wandte sich später mit Leidenschaft der Graphik zu; und, was wichtiger ist, innerhalb der Graphik vollzog sich plötzlich eine solche Wendung vom malerischen Impressionismus zum Rhythmus, zur Bewegung hin, daß es für die Darsteller Liebermanns (Friedländer, Hancke, Glaser) Anlaß war, sich mit dem Stilwandel eingehend zu beschäftigen. Bilder wie die „Polospieler", „Amsterdamer Judengasse", „Pferderennen" und andere zeigen deutlich die Verschiebung des Impulses zum Rhythmus hin und damit zu einer Übersteigerung der — wenn auch ins äußere Leben projizierten — Dynamik. Damit hat Liebermann aber innerlich den Impressionismus überwunden; denn Graphik und Rhythmus sind die beiden vorzugsweisen Ausdrucksarten — die äußere und die innere — des Expressionismus. Es ist hier noch notwendig, auf die Graphik als spezifisch jüdisches Mittel des bildnerischen Ausdruckes hinzuweisen. Die frühesten Haggadah- Illustrationen sind rein graphischer Natur, und wenn wir sehen, daß auch die Maler, die wir noch zu den Impressionisten zu zählen haben, wie vor allen Dingen etwa Hermann Struck, die Graphik zu einer speziellen Kultur ausgebildet haben (ganz abgesehen von den vielen Expressionisten, über die noch zu sprechen sein wird), so dürfte es sich hier um ein Ausdrucksmittel handeln, das der jüdischen Seele in irgend einer Art besonders entgegenkommt. Und in der Tat: die Graphik, die Zeichnung (das Zeichen!) überhaupt ist ein ausgeprägt musikalisches Mittel, wie denn alles, was Nacht ist, stärker auf das Musikalische geht, alles, was Tag ist, stärker auf das Plastische. Hell und dunkel: hier kontrastieren sich Tag und Nacht, hier kontrastieren sich Plastik und Musik! Man hat die Kunst des Helldunkel, die Kunst des Rembrandt und Beethovens, als Kunst der Spätzeit bezeichnet: — nun denn, alle Spätzeit ist musikalisch, weil sie wieder zur