Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 327 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 327 der Religion als geordnete Institution entgegensteht: Religion ist entartete Religiosität („Daniel"). Für Psychologie ließe sich der Name Sigmund Freud erweisen, für Politik etwa Walther Rathenau, doch stehe ich davon ab. Wichtig ist nur die Tatsache, daß der Geist der Musikalität durch das Judentum und mit ihm durch den Expressionismus in alle Gebiete der Kultur eingedrungen ist und daß damit eine Umstellung stattgefunden hat, deren Tragweite wir nur ahnen, aber — da wir mitten in ihrem Erleben stehen — noch nicht absehen können. Inwieweit diese Umstellung gerade in der bildenden Kunst stattgefunden hat, wo ihre Grenzen gerade hier sind und sein müssen, wird sich nach diesen grundsätzlichen Vorbereitungen sehr leicht erweisen. III. Zu der älteren Generation, die aus dem Realismus und dem Impressionismus hervorgegangen ist, zählen vor allen Dingen der Holländer Josef Israels und der Deutsche Max Liebermann. In einigem Abstand von diesen beiden wirklich großen Meistern folgen Camille Pissarro in Frankreich, der mit Degas auch eine graphische Zeitschrift — „Le jour et la nuit" — gegründet hat, in Deutschland weiterhin Lesser Ury, den man allgemein zu dem Impressionismus zählt, und etwa Hermann Struck, der bekannte Berliner Radierer, mit dem von ihm ausgehenden Josef Budko. Damit wäre ungefähr der Umkreis angedeutet, den man mit dem Namen ,Jüdischer Impressionismus" belegen könnte. Was hat sich hier aber vollzogen? Handelt es sich um einen Impressionismus im vorhin angedeuteten Sinne, oder handelt es sich um einen Impressionismus, wie er schließlich aller nennenswerten Kunst eingeschlossen liegt, die von der Natur ausgeht? Wichtig ist bei diesen Künstlern durchweg: sie gehen von der Natur aus. Israels malt holländische Landschaften und Menschen, Liebermann wird in seiner heimlichen Sehnsucht immer wieder von Berlin weggezogen nach Holland, zur holländischen Landschaft, und schließlich auch zu Israels selbst, den er liebt und verehrt. In seiner Schrift über Israels sagt Lieberniann mit Recht, daß Holland das klassische Land der Malerei ist. In den Spuren dieser Tradition wandelt Israels, wandelt auch Liebermann. Beiden ist die Liebe zu den Dingen und die Kindlichkeit, mit der sie die Dinge anschauen, der eigentliche Wesenszug ihres „Naturalismus". Liebermann konnte von Israels sagen, seine Malerei sei „ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig; alles Gemüt, Empfindung und nochmals Gemüt"; Israels konnte von Liebermann sagen: „Ein kindlicher, origineller Künstler mit einem starken Herzen". Beider Verhalten zur Natur ist ein im besten Sinne einfältiges; alle Gegenstände werden mit dem Herzen umfangen. Das ist kein Impressionismus. Am allerwenigsten ein Impressionismus nach der Theorie von Laforgue. Nirgends ist das „Atmosphärische" so ausgeprägt, wie in der holländischen Landschaft, und doch ist es Israels nie eingefallen, dieses Hauptkunstmittel des Im-