Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 326 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Heinrich Beri: er aus sich herausschleudern und zum Bilde kneten. Der Expressionismus sah keine Welt; selbst die Welt, die er sah, begann in ihm zu singen, und darum zerrann ihm der Block unter der Hand zum Torso, zerglühte das Licht der Sonne in ihm zum Feuer, das die Welt durchlodert, wie jene Ekpyrosis Heraklits, die in den Tagen der Apokalypse leuchtet und die Welt vernichtet. Der Expressionismus ist die Kunst der reinsten Musik. Er ist so sehr Musik, daß er ganz einfach den Stoff zersprengte, die Welt der Plastik zertrümmerte und den Rhythmus postulierte als das höchste Wesen aller Kunst. Dieser Prozeß der Umstellung vollzog sich auf allen Gebieten, Zunächst in der Musik selber, die von der Harmonie zum Rhythmus und zur Melodie vorstieß; in der bildenden Kunst, die in gleicher Weise den Rhythmus der Gestaltung proklamierte; in der Philosophie, die das dynamische Weltbild an die Stelle des statischen setzte; in der Wissenschaft, wo sich der gleiche Prozeß in der modernen Relativitätstheorie vollzog (Einstein ist leidenschaftlicher Musikerl); in der Dichtung, wo an die Stelle der reinen Naturschilderung die Musikalität des Wortes unddes Verses trat; in der Religion schließlich, wo das „Ideal" der sanktionierten Ordnung zertrümmert wurde und an seine Stelle die Forderung der Religiosität trat. Von Psychologie, Politik, dem Leben überhaupt ganz zu schweigen. Überall sehen wir die musikalische Weltauffassung an die Stelle der statischen treten und damit eine Durchblutung der Kultur mit neuem Leben. Es ist weit mehr als eine Paradoxie der Geschichte, daß hier das Judentum überall mindestens eine große Wendeerscheinung aufzuweisen hat, die den Prozeß der leidenschaftlichen Umkehr in sich symbolhaft austrägt. Das Judentum stand immer in Zeiten der Wende vorne an, aber noch nie in den Ausmaßen, wie gerade heute. Sollte es vielleicht doch keine Paradoxie der Geschichte sein, weil das Judentum sich gerade heute in einer edlen Wiedergeburt befindet? Diese Frage muß zunächst offen bleiben. Hier will ich nur darauf hinweisen, was ich meine und wen ich meine: In der Musik ist es Arnold Schönberg, der die Wende zu einer neuen absoluten Musik aus dem Geiste des Rhythmus vorbereitete; in der bildenden Kunst ist es Wassily Kandinsky, der erstmals wieder auf die Bedeutung der Musik für die bildende Kunst hinwies, der erstmals wieder Bilder und Farbensinfonien komponierte; in der Philosophie ist es Henri Bergson, der aus dem Geiste der Musik sein dynamisches Weltbild konzipierte; in der Wissenschaft ist es Albert Einstein, der den zeiträumlichen Relativismus gleichzeitig von mathematischen und musikalischen Intuitionen aus begründete; in der Dichtung war es schon frühzeitig Alfred Mombert, der das Wort wieder in seiner urmusikalischen Bedeutung erfaßte, der die onomatopoetische Sprachweise der Bibel aus dem Blute heraus neu gestaltete; in der Religion wüßte ich schließlich keine festumrissenere Erscheinung unter den vielen modernen religiösen Erneuerern zu nennen als Martin Buber, der mit Leidenschaft nicht nur die Erstarrung der jüdischen Religion bekämpfte, sondern weit über das Judentum hinausgehend erwies, daß das prophetische Reich (das durchaus nicht statisch ist, sondern dynamisch)