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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 325

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
325 (sequence 3)
Language
German
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Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart 325 Bildes), im Prophetismus (dessen Geburt aus dem Geiste der Musik die Bibel selbst bezeugt), im Zeitsinn (in der Verkündigung der Endzeit, der absoluten Zeit) und schließlich in der Dichtung (die Metaphorik der Bibel ist im wesentlichen onomatopoetisch). Sie wird sich auch in der bildenden Kunst manifestieren, denn Musikalität ist das Urphänomen par excellence, das aller Erscheinung zugrunde liegt. Auch die Kunst des Bildes ist nur insoweit Kunst, als sie geboren ist aus dem Geiste der Musik. Die Funktion des Bildens steht diametral zur Musikalität, aber das Wesen aller bildenden Kunst strömt aus dem Bezirk der Musikalität. Von hier aus — und nur von hier aus — finden wir einen Weg zur jüdischen bildenden Kunst der Gegenwart. IL Jener letzte Ausläufer der spezifisch europäischen Kunst, der Impressionismus, war ,,musiklos'% war der höchste Triumph des Auges, war die Kunst der Netzhaut, war die Kunst der kühl errechneten Theorie. Jules Laforgue, der Theoretiker des Impressionismus, stellte mit wissenschaftlich exakter Methode die Grundsätze dieser Kunst auf. Das Sonnenlicht konnte nicht gemalt werden ohne die genaue Kenntnis der Spektralanalyse, die Farbe nicht verwendet werden ohne die genaue Kenntnis ihrer Netzhautwirkung, die Manier des Pointiiiismus war genau errechnet für die rein physiologische Funktion des Auges. Mit dieser reinsten Augenkunst, die bis jetzt geschaffen wurde, offenbarte sich auch die ganze Tragik des reinen Augenmenschen: daß er notwendig dahin treibt, wo die ganze europäische Kultur geendet hat: zum schamlosesten Materialismus, zum höchsten Triumph der satanischen Materie. Mit dem Impressionismus erklärt der Nur-Augenmensch seinen Bankerott, denn der letzte Triumph des Auges bedeutet nicht seinen größten Sieg, sondern seine größte Niederlage. Der Impressionismus hat uns mit unheimlicher Deutlichkeit klar gemacht, daß es nur das Auge ist, das den Menschen immer wieder in seine tragische Situation vor Gott und vor dem Unendlichen hineinwirbelt, denn das Auge geht auf das Endliche, auf die Begrenzung, auf die Entgöttlichung der an sich göttlichen Welt. Gewiß ist das Auge „sonnenhaft", wenn es nicht nur Auge, sondern auch „Seele" ist. Die Kunst des Auges braucht nicht notwendig seelenlos zu sein, wird es aber gerade notwendig dort, wo sie nur Auge ist. Die Tragik dieser Zwangsläufigkeit hat uns der Impressionismus geoffenbart. Mit einem Schrei ist der Expressionismus dagegen aufgestanden. Diese nackte Augenwelt tat ihm weh; denn er kam nicht vom Auge, sondern vom Ohr. Er hörte eine Welt in sich singen, und die Magie dieses Gesanges wollte Mythos nicht der Mythos von den menschlichen Göttern, sondern der Mythos von den göttlichen Menschen. Die Quelle dieses im Gegensatz zum polytheistischen Mythos stehenden spezifisch j ü d i s c h e n Mythos ist aber nichts anderes als die Musikalität. (Vgl. hierzu meine Rede: „Martin Buber und die Wiedergeburt des Judentums" [Verlag Hermann Meister, Heidelberg 1924]).

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