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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 324

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
324 (sequence 2)
Language
German
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324 Heinrich Berl : es handelt sich um einen tiefen metaphysischen Grund, der hier zum historischen Schicksal eines Kulturvolkes geworden ist. Dieser Metaphysik am nächsten kommt Bubers Unterscheidung des sensorischen und motorischen Menschen, wie denn dieser Denker auch das Fehlen der bildenden Kunst bei den Juden psychologisch überzeugend dargetan hat. Allerdings: die Frage bleibt hier offen, wie die Juden zu einer bildenden Kunst kommen können — mit Recht glaubt Buber an eine solche Kunst für die Zukunft —, wenn der motorische — also dem Bild entgegengesetzte — Charakter beibehalten bleibt. Die Antwort liegt auch für Buber zunächst bei den Beziehungen zum Raum, die durch die Verwirklichung des Zionismus geschaffen werden sollen und können^ Tatsache ist und bleibt aber, daß der im letzten und tiefsten Sinne unreduzierbare Grund ein metaphysischer ist, der nicht irgendwie durch Umlagerung der Substanz zu erledigen ist, dessen psychologische Koordinate vielmehr konstant bleiben wird und muß. Da es sich bei diesem Fehlen einer bildenden Kunst unmöglich um eine Degenerationserscheinung handeln kann, bleibt weiterhin zu fragen, welche Manifestationen des Geistes, metaphysisch gesehen, an die Stelle dieser fundamentalen Äußerung der Kultur — nämlich der bildenden Kunst — getreten ist oder treten muß. Auch hier ist es das Verdienst Martin Bubers, auf eine andere Kunstgattung hingewiesen zu haben, die bei den antiken Juden eine vorzugsweise Pflege gefunden hat: auf die Musik. Die Musik ist so sehr das Gegengewicht zu der fehlenden bildenden Kunst, daß wir bei keinem der antiken Völker dieses Ausmaß an Verwendung musikalischer Ausdrucksmittel finden wie bei den alten Hebräern. Wir gehen also wohl nicht fehl, wenn wir daraus den Schluß ziehen, daß der bildende Trieb des Juden sich bereits in der Ausgestaltung einer spezifisch musikalischen Kultur erwiesen hat, und tatsächlich kann man bei der Musik der alten Hebräer bereits von einer ausgesprochenen Kultur sprechen — Sängerfamilien und berufsmäßige Instrumentalisten zeugen davon — so daß sich hier der Akzent des Bildens in Wahrheit ganz auf die Musik verschoben hat. Umgekehrt läßt diese Tatsache von selbst den anderen Schluß offen, daß die bildende Kunst, wenn sie einmal zur kulturellen Bedeutung innerhalb des modernen Judentums werden soll — und Ansätze hierzu sind bereits seit geraumer Zeit vorhanden — den bestimmenden Akzent ganz und gar von der Musikalität aus empfangen wird. Die Musik — oder metaphysisch gesprochen: die Musikalität — ist die zentrale Wesenstatsache der jüdischen Seele. Sie manifestiert sich im jüdischen Mythos (er spricht nicht von Gestalt, sondern von Spannung) *), im Monotheismus (denn nur der Polytheismus führt zu der Kunst des x) Zwei klassische Beispiele zu der hier gemeinten Spannung des Menschen zum Absoluten finden wir im jüdischen Mythos bei Kain und Abel und bei Jakobs Kampf mit dem Engel. Hier ist nicht, wie im polytheistischen Mythos, der Mensch nur Zuschauer der Kämpfe unter den Göttern, sondern er selbst steht in Spannung zu dem Gott des Namenlosen und Gestaltlosen (theos anonymos). Durch diese Spannung ist der jüdische

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