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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 323

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart
Date
1924-01-01
Page
323 (sequence 1)
Language
German
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Heinrich Berl : Die Juden in der bildenden. Kunst der Gegenwart 323 HEINRICH BERL / DIE JUDEN IN DER BILDENDEN KUNST DER GEGENWART1) 1. Die Juden der Antike hatten keine bildende Kunst, deren Bedeutung irgendwie feststeht. Aus der Schrift sind allerdings Stellen erweisbar, die auf das Vorhandensein bildnerischer Elemente schließen lassen. Wir erfahren von den Cherubim und Theraphim, von den Masseben und von Tierbildern, die in Dan und Bethel aufgestellt wurden, von dem goldenen Kalb und von der ehernen Schlange, vor allen Dingen von dem Prunk des salomonischen Tempels an Holzschnitzereien und bronzenen Bildwerken, Geräten, Leuchtern, Schalen usw. Aber wie der Tempel Salomos wahrscheinlich von den zum Bau herbeigezogenen Phöniziern ausgeschmückt wurde, so waren auch vermutlich die meisten andern bildnerischen Elemente kanaanäischer Herkunft, zumindest ihrem Urbilde nach, wenn auch nicht in der vorhandenen Form. Es ist anzunehmen, daß die Theraphim, von denen wir durch Michal erfahren, reine Geschlechtsgötter waren, die Masseben, die Hosea erwähnt, schwere Bildwerke aus Stein, deren mythologischer Ursprung ganz im Gegensatz steht zu dem jüdischen Monotheismus, die Tierbilder schließlich kanaanäische Fruchtbarkeitsgötter, wie sie die Juden bei dar Ankunft in Kanaan sicherlich zu Hunderten vorgefunden haben. Ja, selbst das goldene Kalb war vermutlich midianitischen Ursprungs, denn mit Recht hat man sich gefragt, woher die Idee des goldenen Kalbes plötzlich kam. Moses wurde nicht nur von Jethro, seinem Schwiegervater, in den midianitischen Kult am Sinai eingeführt, auch das Volk lernte von den Midianitern, und am Beispiel des goldenen Kalbes sehen wir: nicht gerade durchweg das Beste. Man hat dieses Fehlen einer nennenswerten bildenden Kunst mit ver- , schiedenen Gründen erklärt; man hat das mosaische Verbot angeführt, das allerdings die rigoroseste Vorschrift gegen die Kunst des Bildes enthält; man hat auf die fortgesetzten Verfolgungen der antiken Juden hingewiesen und aus dieser Ruhelosigkeit den Schluß gezogen, daß es dem jüdischen Volke dadurch unmöglich war, zu der ruhigen Gestaltung des Bildes zu kommen; man hat schließlich diese seltsame Erscheinung gar als Degenerationsmerkmal bezeichnet und damit das Judentum vor allen übrigen Kulturvölkern degradiert. Aber mit allen diesen äußeren Erklärungen ist am Wesentlichsten vorbeigeredet. Eine solche Erscheinung ist weder nomokratisch, noch soziologisch, noch physiologisch oder sonstwie reduzierbar: *) Die Arbeit geht wesentlich von solchen künstlerischen Erscheinungen aus, die in Deutschland einem weiteren Kreise bekannt geworden sind. 21*

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