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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 321

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Judentum und Volkskunst
Date
1924-01-01
Page
321 (sequence 7)
Language
German
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Judentum und Volkskunst 321 Formung des Volkes errungen werden. Allein diese Schicksalsgemeinschaft belud das Volk mit den härtesten Lasten, die je Menschen auferlegt wurden. Denn sie sonderte die Juden von allen Nachbarn ab und trug ihnen deren Feindschaft ein, eine Feindschaft, die noch heute aus diesem Quell (der Andersartung) gespeist wird; sie verpflichtete sie, alle gepflegten und liebgewonnenen Schätze, alle naturgesetzten Triebe, den Hang zur freien unbekümmerten Gestaltung zu unterdrücken und auszujäten, sich im Innersten umzuschaufeln und das Dasein zu einem harten Dienst an der eigenen Seele, zu einer Willensbändigung zu machen. Von dem Tanz um das goldene Kalb bis zum Vorwurf der Propheten wegen der Untreue gegen Gott ist die Auflehnung der urtümlichen Wesenheit gegen den neuen Menschen zu verfolgen: an dem Widerstand des Volkes, an den immerwährenden Rückfällen in die alten Neigungen erkennen wir, daß es um die fundamentalsten Umsetzungen des Menschenplasmas ging. Allein der mosaische Geist war von einer Unnachgiebigkeit, einer granitenen Härte und Konsequenz, vor der selbst die geschichtlich dokumentierte Hartnäckigkeit endlich die Waffen streckte. Schwere Schicksale sowohl, die das Volk schlugen und es erkennen ließen, daß es sich herumwerfen müsse, wie die Ausdauer und die Erschütterbarkeit des Mosaismus vermochten es, den grandiosen, symbolischen Aufstieg zum Berg Sinai zu vollführen. Mit dieser Entwicklung hat die Kunst und mit ihr jede lyrisch individuelle Neigung ihr Grab gefunden. Der Weg des jüdischen Volkes führte ins Geistige, ins Spekulative, in eine Zone des Wissens, Grübelns und Zerlegens, eine Tatsache, die sich noch heute auswirkt, wenn auch nicht bestritten werden kann, daß die Judenheit über eine Anzahl nicht unbedeutender bildender Künstler verfügt. — Auf der Aktivseite jedoch steht der jüdischen Sendung ewiges Vermächtnis an die Menschheit: das sittliche Ethos, der kategorische Imperativ. Zu welchen Erscheinungen hat die innere Umbildung des jüdischen Plasmas geführt, welche letzten Auswirkungen hat sie geschaffen? Es geht nicht an, die Strebungen der starken künstlerischen Begabung im jüdischen Volke mit der Umstellung seines Wesens für gänzlich untergegangen zu erachten. Wahrscheinlich haben sie sich in einer anderen Form manifestiert; meine Überzeugung geht dahin, daß sie in ihrer ganzen Intensität in das Wesen der altjüdischen Propheten eingegangen ist. In den Propheten waltet der allmenschliche, die Enge des priesterlich kultischen Treibens sprengende Geist, der Gott und Menschheit in eine neue Harmonie geleiten will. In ihrer dichterischen Sprache bergen sie das Erbe des künstlerischen Reichtums des jüdischen Volkes. Sie ist getränkt mit allen Extrakten künstlerischer Erschütterung, trägt in ihrem Wort in dichterisch visionären Gleichnissen die Bilder der belebten Schöpfung und führt sie über das Verbot ihrer körperlichen Nachbildung auf neuem Weg zur künstlerischen Schau. Ihre Gestaltung ist beherrscht von einer Miktion, die übermenschlich anspricht. In der Prophetensprache sammelt sich die verhaltene poetische Kraft des Volkes; sie ist erschüttert von unter¬ Heft 5/6. 21

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