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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Judentum und Volkskunst
Date
1924-01-01
Page
322 (sequence 8)
Language
German
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322 Fritz Loew: Judentum und Volkskunst drückten Energien. Die Spannung ihrer Elemente, die Wucht ihres Ansturms verrät das Herausdrängen aus prallgefüllten, lang verwehrten Kanälen. In der Seele der Propheten haben sich drei Schöpferwesen vermählt: der Dichter, der Künstler und der Ethiker. Der Ethiker wäre stumpf ohne die seherische Umschmelzung der im Künstlerblick eingefangenen Weltr der Künstler nur mittelbar beredt ohne die Leidenschaft dichterischer Zeugung. In der Organität der Propheten schwingen diese Wesenheiten gleich einem gemeisterten Instrument, das, von gebändigter Ekstase gespielt, den glühendsten Eindruck menschenmöglicher Leidenschaft vermittelt. Diese Männer, denen Gott befohlen hat, zu den Kindern Israels zu sprechen, reden Malerei und Skulptur. Meist sind ihre Bilder bewegt, . . . ,,Ich werde dieses Volk zerbrechen, so wie man des Töpfers Gefäß zerbricht." (Jerem. 19, Ii.) ... „Aber auch diese taumeln im Weine, schwanken in starkem Getränk, Propheten und Priester taumeln in starkem Getränk, sind übermannt vom Weine, schwanken von starkem Getränk." (Jes. 28, 7) . .. Siehe, der Strom des Ewigen kommt von ferne, es brennt sein Zorn, schwer wallt der Rauch . . . und seine Zunge ist gleich fressendem Feuer." (Jes. 30, 27.) •.. „wenn er Fülle Wassers am Himmel gibt und Wolken heraufbringt vom Saume der Erde, Blitze zum Regen schafft und Wind aus seinen Kammern kommen läßt." (Jerem, 10, 12). Einige Bilder muten an wie gefrorenes Erz. . . . „Gefallen ist sie, erstehet nicht wieder, die Jungfrau Israel, auf ihren Boden niedergestreckt." (Arnos 5, 2) ... Plastisch und zugleich bewegt ist das folgende Gleichnis: „Siehe, einem Löwen gleich kommt er herauf von des Jordans Überschwemmung zur Felsenwohnung." (Jerem. 49, 19.) Ihre erschütternde übermenschliche Gewalt senden diese Reden aus durch den Eindruck der Improvisation, gepaart mit dem Geheimnis kunstverpflichteter Stilisierung. Sie sind undenkbar als Einzelfälle künstlerischen Aufschäumens, sind nur verständlich als Sammelströme aus allen Adern volkskünstlerischen Tummeins, und in dieser Würdigung bilden sie den Schlußstein der künstlerischen Ethnographie des alten Erez- Israel. Mit dem Untergang des jüdischen Reiches und dem Verlassen des heiligen Landes hören die Quellen der autochthonen Produktivität zu fließen auf; jegliche künstlerische und dichterische Leistung späterer Epochen ist nicht aus der Volksverbundenheit herausgewachsen und daher lediglich als individualistische Schöpfung zu werten. Die Luft des Ghettos erstickte den künstlerischen Atem. Der Boden des Ghettos ist steinig, karstig und blumenlos. Der Blick in die zauberische, lockende Natur, die Freude am bunten Teppich des Lebens ist eine Versündigung an der Thorah. Der Cheder wird zum Seelengefängnis für die Lust am Formen- und SinnenspieL

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