Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Judentum und Volkskunst
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 320 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109306--7046-3109398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Fritz Loew: «ingewurzelte Leidenschaft, die von der Phantasie und den Vorbildern der Umwelt immer neu belebt wurde, so kann man ermessen, was ihre Unterdrückung in jedem Belang bedeutet. Es ist nicht angängig, die einzelnen Stadien dieser Revolution nachzudichten; aber es ist wichtig und bedeutsam, uns darüber klarzuwerden, daß jener umformende Geist, den ich Mosaismus nennen möchte, mit der Zerstörung der künstlerischen Denkmäler und aller künstlerischen Schöpfungen auch jedes lyrische, jedes ästhetisch dichterische Keimblatt ausgerissen hat. Ist doch außer dem „Hohen Lied" kein frei gestaltetes, rein auf ästhetischerBezieh ung zu Natur und Leben beruhendes Dichtwerk auf uns gekommen. Der Mosaismus hat mit Stumpf und Stiel jeden Hang ausgetilgt, der nicht auf seine Linie führte. Das Endergebnis dieser Entwicklung bedeutet horizontal eine Einengung der gesamten, breiten Schöpfungsbasis des gesamten Judentums, vertikal eine Vertiefung der Geistigkeit. Dies ist das Wahrzeichen des jüdischen Wesens in der schöpferischen Zone geworden und hat bis heute seinen Charakter festgehalten. In seiner Einseitigkeit liegt, seine Größe und seine Tragik. Das jüdische Volk tritt in den göttlichen Verehrungsbezirk ein mit einem von allen Kulten verschiedenen Bekenntnis, dem Bekenntnis zu einem Gottwesen. Vom Familien- und Stammesgott (bei Abraham) ist JHWH zu einem Volksgott aufgestiegen. Diese Eingotterkenntnis ist keine Austropfung der Volkserkenntnis, sondern das prophetische Gesicht eines unergründbaren, gewaltigen Geistes, Staatsmanns, Philosophen und Führers, des Vaters der Judenheit und des Judentums: Mosche. Mosche brachte den aus Mizraim fliehenden Stämmen die Botschaft, daß ein ihnen zugetaner Gott sie befreit habe. Und daneben brachte er ihnen eine Aufgabe, deren Kern in zehn Geboten verdichtet war. Daß der Inhalt der Steintafelgesetze das Verhältnis der Menschen untereinander und das Verhältnis der Menschen zu Gott in einer unerhört neuen Weise regelte, ist nicht bedeutsamer als die Formulierung dieser Gesetze: „Du sollst"...... Dieses „Du sollst" ist die Kapitulation des Gefühls, des Instinkts, der Neigung und der Lust, des Furors des Blutes und der Sinne vor der höchsten Forderung. Dieses „Du sollst" will ein Herumwerfen der angeborenen menschlichen Natur, ein Heraussprengen jahrtausender tropisch wuchernder Urelemente aus dem Bannkreis kosmischer Vorstellungen. Es führt vom naiven Verträumen des Daseins zum sichtenden Bewußtsein. Es pflanzt eine Feuersäule in das Denken des Volkes mit dem Zeichen: Verantwortung. Das „Du sollst" setzt die Erziehung des jüdischen Volkes an zum Sendvolk für die Völker der Welt, für alle Völker der Zukunft. In der Konkurrenz von Göttern, in der künstlerischen Umrankung des Gottesdienstes hätte ein solches Ansinnen sich im Anlauf zerrieben gesehen. Das „Du sollst" mußte aus dem Mund Gottes kommen, der sich für alle Zeiten untrennbar mit dem Schicksal des jüdischen Volkes zu verbinden verhieß. In dieser Atmosphäre der Gegenseitigkeit konnte die