Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Judentum und Volkskunst
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 319 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum und Volkskunst 319 an den Reichtum der chinesischen buddhistischen Kultkunst, an die shintoistischen Schöpfungen, an die ägyptischen und babylonischen Kunstheiligtümer und heiligen Statuen. Man schaue auf das Heer hellenischer Götter- und Heroenbildnisse; man vergegenwärtige sich die unübersehbare Fülle der Christus- und Madonnenbilder aus Gotik und Renaissance. Und so weit nicht die auflösenden Essenzen der Zeit und die Hinfälligkeit des Materials diese religiös und kultisch künstlerischen Dokumente vernichtet haben, bleiben sie lebendige, heilig gehaltene Mäler einer tiefen Volksäußerung. Sie bezeichnen den oft weitläufigen, oft steilen Weg, den die Völker in ihrem Ringen um ihre innere Gestaltung gewandert sind,, und sind die Wertmesser ihrer Epochen. Sie sind die wertvollsten und heiligsten Symbole dieser Völker, sie werden bewacht und betreut; sie bezeichnen den Siegeszug ihrer Heiligen und Sendlinge, und die Dome, Kathedralen, Moscheen, Tempel und Kapellen sind der sinnfälligste, aufdringlichste Ausdruck ihrer Herrschaft. Wir Juden sind ein eigenartiges Volk. Unsere Eigenart ist ein Einzel- und Sonderfall in der Menschheitsgeschichte. Wir sind den allgemeinen Gesetzen der volksmäßigen Ausformung und inneren Gestaltung abwegig geworden. Während alle Völker der Welt dem gleichen Strom der religiösen Bildung folgen, während alle die Bezogenheit zu ihren Nationalgöttern und Heroen, zu ihren Propheten und Heiligen in sinnfälliger, von der Kunst begleiteten Äußerung dokumentieren und alles daransetzen, um den geschaffenen zeitlichen Gebilden vermeintliche Ewigkeit zu geben, haben die Juden eine Richtung eingeschlagen, die sie von der zentralen. Norm der Völker wegführte und mit einer neuen unerhörten Atmosphäre umhüllte. Legendär geht diese Sonderung zurück auf Abraham, historisch auf Mosche. Aber sie setzt bei diesem eigentlich erst an und arbeitet in energischer, zäher Äußerung im Volkswillan, durchschneidet wie ein unermüdlich wühlender Gebirgsbach die Felsmasse der volkstümlichen Gedankenwelt, um sich erst nach dem babylonischen Exil endgültig zu behaupten. Äußerlich besehen zeigt sich diese Revolution, die, obwohl unlaut, doch zu den phänomenalsten und nachhaltigsten der Menschheitsgeschichte gehört, in dem unentwegten Angehen gegen die Götzenkulte, angefangen mit dem Ereignis vom goldenen Kalb. Man kann diesen Widerstreit der Gesinnungen auch so formulieren: Der Geist stand auf gegen das Bild, das Gedankliche gegen das Künstlerische, das erwachende^ verantwortliche Bewußtsein gegen die naive Gefühlsmäßigkeit. Es ist ein unerbittliches Anlaufen gegen eine fundamentale, seelische Erbmasse; es ist ein Aufreißen und Auseinanderreißen eines Kreislaufs von ewig sinn^ gebundenem Befangensein. Mit der endlichen Bezwingung der inneren Umstellung beginnt für die Juden ein neues Wesen, für die Menschheit eine neue Epoche. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die naive künstlerische Neigung des jüdischen Volkes wie bei allen gesunden, jungen Völkern und vor allem den orientalischen anzusehen ist als eine im tiefsten Wesen der Volksseele