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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 318

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Judentum und Volkskunst
Date
1924-01-01
Page
318 (sequence 4)
Language
German
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318 Fritz Loew: der Welt gepflegt und gefördert werden. Die menschliche Vorstellung von den Gewalten, die man anbetet, zwingt die Phantasie, sich eine greifbare^ gestaltete Form von der Gottheit zu schaffen und die Beziehung zu ihr auf das Sinnfällige zu ermöglichen. Dieses Verbot, silberne und goldene Götter zu schaffen, mußte explicite ausgesprochen werden, da es gegen jede Gepflogenheit angeht und dem natürlichen Hang der religiösen Seele fremd ist. Das zweite Geheiß kann als Ergänzung zum ersten und als sein Ausführungsgesetz angesprochen werden. Stellen wir uns vor, die Holzschnitzer, Gipser, Drechsler, Former hätten sich in der Nachbildung naturgeschaffener Gegenstände große Fertigkeit angeeignet; was würde ihr Streben nach dem Höchsten, Erhabensten in der Kunst: die Darstellung ihres persönlichen Ideals von Gott, gebändigt haben! Die tiefe Erkenntnis dieser menschlichen Seite hat den göttlichen Gesetzgeber psychologisch vorgehen lassen. Um zu verhüten, daß der jüdische Mensch Götterbildner wird, mußte ihm schlechtweg jede Bildnerei, selbst die Nachbildung von Vögeln, Fischen, Schmetterlingen, Früchten usw. untersagt werden. Das Auge soll nicht mehr gelüsten, die Formen und Bilder der bewegten Welt nachzuahmen. Die Hand soll nicht mehr mit Griffel, Meisel, Stichel und Stift spielen, außer um nützliches Gerät oder gottbefohlenes anzufertigen. Der Spieltrieb, jene Wurzel artistischen Schaffens, sollte ausgerodet werden, um den Boden des freien Kunstwirkens zu veröden. Die Konsequenz des Gesetzgebers ist derart undurchlöchert, daß er selbst namhaft die Meister bestimmt, 2. Mos. 31, die den Bau und die Ausschmückung des Stiftzeltes und der Bundeslade vornehmen sollten. Ja, er schreibt selbst die Ausführung der Arbeit bis ins Kleinste vor, gibt die Maße an, Farbe und alles Figurengebilde. Die Verbundenheit der Stämme in Israel, anfangs eine schicksalsmäßige, wurde im Laufe der Zeit im Leben des Volkes zu einer religiösen. Man kann daher von jüdischer Volkskunst nur im Hinblick auf die Epoche volksreligiöser Konsolidierung sprechen; aber, wie schon erwähnt, gibt die Bibel Zeugnis von dem Bildkult der Juden in so zahllosen Erwähnungen, daß die Existenz einer altjüdischen Volkskunst nicht bestritten werden kann; wie denn überhaupt der Versuch, das Vorhandensein einer Volkskunst zu erweisen, an dem kulturgeschichtlichen Axiom scheitern müßte. Als Mischvolk von verschiedenen Stämmen und Rassen lehnten sich die aus Mizraim fliehenden Horden an die Kulte ihrer Wirts- und Nachbarvölker an, schufen Götterbilder der Ägypter, Phönizier, Syrer und beteten zu ihnen. Hier war der Tummelplatz ihrer naiven, künstlerischen Begehrungen, hier betätigten sie den eingeborenen Hang zum Schöpferischen und bevölkerten die religiösen Gestade mit den Produkten ihrer künstlerischen Phantasie. Und mit welcher Besessenheit und Zähigkeit sich das jüdische Volk an diese Idole hielt, verrät nichts so sehr als der harte Kampf, den die Träger der mosaischen Überlieferung gegen sie führten. Das Leben aller uns bekannten, vergangenen und lebenden Völker offenbart eine enge Verschwisterung von Religion und Kunst. Man denke.

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