Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Judentum und Volkskunst
Date
1924-01-01
Page
316 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109306--7042-3109394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Fritz Loew sind Zwillingsströme, entspringend der gleichen Quelle: dem Ahnen einer unbegreiflichen Absolutheit und sich vereinigend im sinnfälligen Dienst an ihr. Die Urzelle aller Kunst ist der manuelle Spieltrieb, sein Anruf ist die religiöse Grundstimmung, zur Religion steht die Kunst als Dienerin. Aber während wir bei allen Menschengemeinschaften Religion und Kunst in enger Verschwisterung antreffen, finden wir bei den Juden eine Trennung. Wir begegnen hier einer Einzigartigkeit, einer geschichtlichen Erscheinung, die in scheinbarer Rechtfertigung unserer Hypothese von dem Volke ohne Kunst so seltsam ist, daß sie nicht verstanden werden kann, ohne in die Volks¬ und Schicksalsgeschichte des Judentums tief hineinzuleuchten. Es ist zweierlei, ob ein Volk Kunstwerte schafft oder ob es ein künstlerisches Volk ist. England hat mit seinen großen Meistern Reynolds, Gainsbourough und Whistler sich ein Anrecht auf künstlerische Achtung gesichert. Sind deshalb die Engländer ein künstlerisches Volk? England hat den größten europäischen Dramatiker geboren. Sollte man darum England das Volk der Dramatiker heißen? Das klassische Gegenbeispiel sind die Zigeuner, die, ohne einen führenden Komponisten hervorgebracht zu haben, in jeder Faser ihres Volkskörpers musizieren. Volkskunst setzt einen kosmischen Zustand voraus, dadurch wesenhaft, daß zwischen dem Volksgemenge und seiner atmosphärischen Bewegung ein lebendiger Rhythmus schwingt. Nicht einzelne hochgetriebene Spitzen und gigantische Gipfel lassen das Stadium einer Volkskunst abschätzen, sondern der Grad der Innigkeit zwischen Zentrum und Decke, das Maß der Verflechtung der Elemente untereinander. Volkskunst lebt darum nur in einer Masse, die noch nuancenlos und undifferenziert ist: in einer Substanz, in der eigengesetzliche Kristallisation der Elemente noch nicht eingetreten ist, in einem Volkstum, in dem das Individuum noch nicht vom Mutterboden abgelöst ist und sich noch nicht als Individualität abgesondert hat. Entscheidend ist und bleibt nicht der Grad der künstlerisch artistischen Vollkommenheit, sondern die Bindung durch den Volksmythos. Der tiefere Einblick in das Wesen der Kunst gibt uns die Gewißheit, daß die Kunst, .wenn man vom Formalartistischen absieht, wenn man ihren zartesten Nerv und ihre Seele verstehen will, nichts Geringeres anstrebt, als die sinnfällige Verbildlichung und Gestaltung unserer erhabensten Vorstellungen, um der Sehnsucht unseres überirdischen Begehrens zu dienen. Kunst ist das Verlangen eines überschwenglichen Impulses, über die Beschränkung des nur Menschseins hinauszuwachsen. Kunst ist der Versuch, den Gürtel der Unvollkommenheiten zu sprengen und den vorgestellten Himmel mit Gebilden auszustatten, an denen sich letztes Verlangen nach Vollendung erheben, stärken und entzünden kann. Der formale könnerische Wert spielt keine Rolle. Denn nicht die fertige Gestaltung des Werkes entscheidet über seine Qualität, sondern die Echtheit seiner religiösen und seelischen Bezogenheit auf seinen Vorwurf. Die Frage, ob wir in diesem Sinne eine Volkskunst hatten, können die einzigen Quellen, aus denen wir schöpfen — die fünf Bücher Moses, Psalmen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.