Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Judentum und Volkskunst
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 315 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109306--7041-3109393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Fritz Loew: Judentum und Volkskunst 315 FRITZ LOEW/ JUDENTUM UND VOLKSKUNST Die Formulierung des Themas ist in jedem, selbst dem glücklichsten Fassungsfall, unzulänglich. Es kommt mir nicht darauf an, eine Besprechung der jüdischen Künstler oder eine Kritik der jüdischen Kunstwerke zu geben, überhaupt Einzelleistungen zu mustern, vielmehr will ich versuchen, die Kanäle aufzudecken, die aus dem produktiv jüdischen Wesen in das Gebiet der Kunst hineinziehen. Aber damit ist der Bogen unseres Interesses noch nicht voll ausgespannt, ja, wir gewinnen mit ihm nur die Peripherie, von der aus wir in eine tiefere Zone hinabzusteigen uns bemühen, um ganz nahe an die Quellen der jüdischen Kunstströme zu gelangen. Letzten Endes hat jedes Volk seinen besonderen Schicksalsbezirk, seine besondere Seele, das Hinneigen zu einer eigenen Form und seine individuelle Haltung. Und an diesen Momenten muß man die Vordergründe seines künstlerischen Waltens prüfen. Man könnte — rein hypothetisch — annehmen, daß es Völker gebe, die ohne Kunstäußerung ihren Weg ziehen. Jedoch würde man damit der Ethnographie ein falsches Blatt einheften. In Wirklichkeit gab es und gibt es kein Volkstum, das nicht die Bereitschaft zu freier oder nachbildender Kunstausübung besäße, gab und gibt es keine Volksverbundenheit, in der nicht über das Naturgeschaffene hinaus die Sehnsucht nach formaler Weiterführung des Schaubaren oder nach phantasiegetränkter Bildzeugung gewünschter Vorstellungsinhalte arbeitete. Die Urzelle künstlerischen Tuns ist der manuelle Spieltrieb. In sie ist der Instinkt als Erbweisheit und Erbdrang eingebettet und entfaltet sich blind zum Willen, wie der Vogel aus dem Ei. Der Spieltrieb ist der ewige Begleiter aller Kindheit, aller schöpferischen Lust, vom Neandertalmenschen angefangen bis zum hochgestuften Neuzeitler. Der Spieltrieb verpflichtet die Menschenhand, dieses sinnvolle Werk göttlicher Architektur, zum spielerischen Formen, das absichtslos und ziellos ist ganz aus drangvoller Freude am Bilden des Stoffes. Notwendigkeit ist sein Feind, Freiheit sein Tau. Wie die Sonne die Seele zur Freude hebt, so weckt der Spieltrieb die Hand zum Formen. Die formende Kinderhand bescheidet sich mit dem Glück der Aktivität. Erst dem erwachenden Auge werden Objekte begehrlich, dem prüfenden Blick sondern sie sich ab nach Güte und Neigung. Das Reich der Schöpfung ersteht in ihm als heiliger Bezirk, in den der Bildner, von Schauern der Ehrfurcht geschüttelt, zur religiösen Stimmung einkehrt. Die entscheidende Stunde, ob der Bildner zum Künstler berufen ist, trägt das Merkmal der religiösen Bannung. Religion ist die erste, tiefste, grundverwachsene Beziehung zur Volkskunst. An ihr rankt sich Volkskunst an und bleibt mit ihr verschlungen, solange Religion Leib und Seele des Volkes ist. Religion und Volkskunst