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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 313

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
313 (sequence 19)
Language
German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas ,,ehrlich*1 aus? Was hätte für ihn näher liegen sollen als die Treue gegenüber der Gemeinschaft, der seine Väter Leben, Heimat, Habe ohne Bedenken geopfert hatten? Was trieb ihn dazu, „die schöne Welt zu zerstören"? Diese Frage soll hier nur gestellt sein. Cohen gegenüber kann Folgendes geltend gemacht werden: Gleichgültig, warum Spinoza „ehrlich" war, aus welchen religiösen, sittlichen oder selbstischen Antrieben — genug, er war es, und das auf Grund dieser „Ehrlichkeit" gefundene Bild der Bibel, sofern es nur wahr ist, trägt und stützt sich selber, und stürzt sein Gegenteil, da, nach dem Satze aus der Ethica, die Wahrheit Norm ihrer selbst ist und des Falschen. Die Not, aus der das Unternehmen Spinozas hervorgehen mußte: der Kampf für die Selbständigkeit der Wissenschaft und des Staates gegenüber der Kirche, ist dem Zeitalter Cohens nicht mehr sehr fühlbar gewesen: sie war durch die Arbeit der vorhergegangenen Jahrhunderte behoben. Cohen ist nun unter seinen Zeitgenossen derjenige, der den tiefsten inneren Zusammenhang mit dem Geist des großen Zeitalters der Aufklärung hat. Dennoch übersieht er bei der Besprechung der Kritik Spinozas am Auslegungsgrundsatz des RMbM den entscheidenden Satz: „Wenn Maimonides durch die Vernunft von der Ewigkeit der Welt überzeugt gewesen wäre, so hätte er kein Bedenken getragen, die Schrift zu drehen und zu deuten, bis sie endlich dem Scheine nach dasselbe lehren würde." Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, die Cohen gern und oft der Aufklärung nachrühmt, wendet sich hier gegen die traditionelle Methode der umdeutenden Fortbildung der biblischen Lehren. Was Cohen im vorliegenden Falle daran verhindert, gerecht zu sein, ist weniger ein traditionalistisches als ein apologetisches Interesse. Sein Interesse an der Herausstellung dessen, was in der Bibel eigentlich geschrieben steht, wird durch die Rücksicht auf die christlichen Angriffe gegen das Judentum — durch ein Interesse des „Lebens" also — geschwächt1). Bei Spinoza fehlt dies apologetische Interesse — begreiflicherweise. Mag darin ein menschlicher Mangel liegen — die Sachlichkeit der bibelwissenschaftlichen Untersuchung kann durch die skeptische Kälte des Abtrünnigen nicht mehr gefährdet werden als durch die apologetische Liebe des Getreuen. Auf die Frage, welches die Stimmung Spinozas gegenüber dem Judentum gewesen ist, gehen wir nicht ein. Ihre Lösung trüge nichts Entscheidendes zum sachlichen Verständnis des Traktates bei. Was die „menschliche" Beurteilung der Kälte und Fremdheit Spinozas gegenüber dem Judentum 1) „Wenn Spinoza dagegen mit der lieblosesten Härte nicht nur seinen Stamm verächtlich macht — in denselben Tagen, in denen Rembrandt in seiner Gasse wohnt und die Idealität des Judentypus verewigt — sondern auch den einzigen Gott verstümmelt, dessen Bekenntnis der Grund war, der ihn selbst mit seinem Vater Portugal und der Inquisition entfliehen hieß, so meldet sich keine Stimme gegen diesen menschlich unbegreiflichen Verrat. So gibt es dafür nur die eine höchlichst willkommene Erklärung, daß endlich einmal ein Jude von Bedeutung seine Verstocktheit aufgegeben habe.....„Die Kernsprüche, in denen Spinoza seines Rachehasses gegen die Juden sich entlud, finden, sich noch heute fast wörtlich in den Tageszeitungen jener politischen Richtungen/*

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