Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 314 (sequence 20)
- Language
- German
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314 Leo Strauß: Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas betrifft, so würde sie die Beurteilung des Verhaltens der Juden zu ihm — nicht diejenige des Bannes, denn gegen den kann natürlich nichts eingewandt werden, wohl aber der privaten Stimmungsäußerungen, die vermutlich nicht so unkritisierbar waren wie der Bann — voraussetzen. Auf dieses schwierige Geschäft wollen wir uns nicht einlassen. Ein Verständnis des Zweckes, der Disposition, der Ergebnisse und der Methode des Traktates aus „pflichtmäßigen" Motiven Spinozas war möglich, indem wir von dem jüdischen Interesse durchaus absahen. Es bleibt denkbar, daß auch aus der sachlichsten, haßfreiesten Gesinnung hervorgegangene Bibelkritik nicht im Interesse des Judentums liegt. Denn da die Methode Spinozas ja nur im Zusammenhang mit seiner Entfremdung gegenüber dem Judentum und seinem Eintritt in den christlich - europäischen Zusammenhang von ihm angewandt und durch die Anwendung gerechtfertigt wurde, so ist nicht schon von vorneherein ihre Bedeutung für das Judentum festgestellt. Ad hominem können wir auf die größere „Ehrlichkeit*' dieser Methode hinweisen, gegenüber Cohen, der grundsätzliche Bedenken gegen das Recht der Wissenschaft nicht kannte. Von unserem Standpunkte aus muß aber ernstlich gefragt werden, wie sich diese ,,Ehrlichkeit" zu etwaigen höheren Notwendigkeiten des Judentums verhalte, ob sie ein Recht zur Zerstörung der schönen Welt der Tradition gebe. Was hat der Kampf für die Autonomie der Wissenschaft und des Staates mit dem Interesse des Judentums zu schaffen? Welches Interesse kann das Judentum daran haben, zu wissen, wie seine Frühzeit wirklich gewesen ist? Es muß ^laher in einer weiteren Untersuchung gefragt werden, wie sich das Interesse des Judentums zur Bibelwissenschaft Spinozas verhalte. Wir präzisieren die Aufgabe, indem wir fragen: Welche jüdischen Antriebe leben in der Bibelwissenschaft Spinozas? Von dieser Frage aus ist ein grundsätzliches Urteil über Cohens Analyse <ler Bibelwissenschaft Spinozas möglich: Cohen hat recht, wenn er, wiewohl nicht ausdrücklich, als oberste Instanz für die Beurteilung dieser Wissenschaft das Interesse des Judentums aufrichtet — er hat unrecht, wenn er dieses Interesse des Judentums nicht durch die innere Notwendigkeit unseres Volksgeistes, sondern durch die äußerliche Rücksicht auf die Zwecke theologisch-politischer Apologetik bestimmt. Er hat Recht, wenn er Spinozas Denken über das Judentum und sein Verhalten gegenüber dem Judentum an jüdischen Maßen zu messen sucht — aber wäre es nicht für die Selbst- Erkenntnis des jüdischen Geistes förderlicher, zu fragen, welche Motive des Judentums zu Spinozas Denken und Verhalten hinsichtlich des Judentums führen, seine Auseinandersetzung mit dem Judentum als eine jüdische Auseinandersetzung zu begreifen? Wie dem auch sei — auch die engere Fragestellung zeugt für den vorbildlichen Ernst Hermann Cohens, welcher sich nicht mit dem Bilde von dem „Trunkenbolde Gottes" bescheidet, das die deutsche Romantik gezeichnet und die jüdische Romantik kopiert hat.