Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
312 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109305--7037-3109390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leo Strauß: Anders aber steht es mit der Methode des Traktates. Nicht als ob diese in ihrer endgültigen, positiven Form uneuropäisch wäre, nur ihre Entstehung, die sich vorzüglich in der Polemik gegen diejenige des RMbM vollzieht, weist tiefer auf jüdische Zusammenhänge hin. Hier scheint der Kampf gegen die ,,Pharisäer" mehr als ein versteckter Angriff auf die Lehren des Christentums zu sein. Nun braucht man selbst hierin keine inner jüdische Auseinandersetzung zu sehen: vielleicht ist die Bibelauslegung des RMbM? für Spinoza die ihm nach seinem Bildungsgang naheliegendste oder die folgerichtigste Form der allen Kirchen gemeinsamen Art der Bibelauslegung. Jedenfalls wollen wir hier auf den Gegensatz RMbM — Spinoza auch nur insoweit eingehen, als er ein Spezialfall des Gegensatzes traditionellkirchlich-kritisch-wissenschaftliche Bibelauslegung ist. Nur um des allgemeineren Gegensatzes willen hat die Methode Spinozas Bedeutung für das christliche Europa gewonnen. Es ist außerdem bereits darauf hingewiesen worden, daß die Bekämpfung der kirchlichen Form der Schriftauslegung ein notwendiges Moment der Bekämpfung der kirchlichen Ansprüche gegenüber Wissenschaft und Staat war. Wir bleiben also bei der Betrachtung der Methode des Traktates auf der Linie unserer Entgegnungen auf Cohens Angriff, werden aber durch sie selbst auf eine tiefere Fragestellung geführt werden. Der innere Fortschritt einer lebendigen Religion vollzieht sich, falls diese auf heiligen Schriften fußt, nicht anders als durch umdeutende Auslegung der heiligen Schriften. So werden die sinnlichen Vorstellungen vom Göttlichen vergeistigt, die harten Züge gemildert, wie allen bekannt ist. Insbesondere teilt sich in dieser Weise der Religion der Fortschritt der erkennenden Vernunft mit. In den ersten Jahrhunderten der neueren Zeit kam aber, im Protestantismus, im Gegensatz zu dieser Auslegungsweise, die die Religion gewissermaßen in gerader Richtung fortbildete, aus ganz bestimmten, religiös bedingten Voraussetzungen, die Idee einer Rückwendung zu jener der Tradition letzlich zugrunde liegenden Schicht, der ,,reinen Lehre", auf. Von dieser Lage geht Spinoza aus. Er bildet nun, durch die humanistischen Elemente des Zeitbewußtseins wesentlich gefördert, die Bibelauslegung zu einer reinen, d.h. nicht mehr von vorneherein im Dienste der Religion stehenden Wissenschaft aus. Dem widerspricht nicht, daß die Erzeugung dieser Wissenschaft durch den Zweck der Bekämpfung kirchlicher Ansprüche veranlaßt oder doch mitbestimmt wurde. Die Wissenschaft selbst ist, ihrem Sinne nach, von diesem Motiv ablösbar, wenngleich es zunächst die Richtung der Forschung bestimmt. Spinoza fand also die traditions-feindliche Rückwendung auf die Schrift bereits vor. Es ist zu fragen: Wie fand er von seinen jüdischen Grundlagen aus den Weg zu ihr? Warum weigert er sich, die Schrift so auszulegen, daß sie mit seiner religiösen, vernünftigen Überzeugung übereinstimmt — sich so in den Rahmen des Judentums einzufügen, er, ,,auf dessen Abkunft, dessen Geist, dessen Gelehrsamkeit die Juden die größten Hoffnungen gesetzt hatten"? Warum legt er in diesem so gar nicht selbstverständlichen Sinne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.