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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 310

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
310 (sequence 16)
Language
German
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320 Leo Strauß: in seine faktischen Schichten, und es bleibt dabei nebensächlich, ob man von der Gleichartigkeit oder Andersartigkeit, von der Einheitlichkeit oder Divergenz der beiden Dokumente ausgeht. Hierbei hängt — nach der „exegetischen Grundregel44 — alles vom Ergebnis der Untersuchung ab. Das Ergebnis Spinozas ist — kurz gesagt —: Einheitlichkeit der prophetisch-christlich -paulinischen Linie im Kampf gegen die äußerlichen Werke, wobei diese Linie eine Steigerung darstellt. Divergenz der beiden Dokumente, insofern der Kern der Bibel das Gesetz, der Kern des Neuen Testamentes die Forderung des aus der frommen Gesinnung fließenden liebevollen Verhaltens zum Nächsten ist. Was nun die Bibel als solche, ohne Rücksicht auf das Neue Testament betrifft, so betont die Bibelwissenschaft Spinozas gerade diejenigen Motive, die zum Teil bereits von der Tradition, vor allem aber vom Liberalismus gerne bedeckt werden. Es sind in der Hauptsache folgende: 1. das P r i m i t i v - N u m i n o s e gegenüber dem Rationalen, Vergeistigten, Gemilderten: Die Leidenschaften, der Eifer, die Körperlichkeit Gottes. Cohen: ,,Da ,an keiner Stelle Mose lehrt, Gott sei frei von Leidenschaften oder Gemütsbewegungen, so dürfen wir daraus offenbar schließen, daß Mose das selbst geglaubt hat, oder wenigstens hat lehren wollen, so sehr dieser Ausspruch nach unserer Ansicht der Vernunft widerstreitet*. So wird die Schrift gegen den Sinn des Monotheismus ausgelegt." Welches Monotheismus? Vgl. das oben zitierte Wort des RAbD. 2. das Kultische gegenüber dem Humanitären: Der Sabbath wird als sittlich indifferentes Zeremonialinstitut, nicht als sozialethisches Institut angesehen. 3. das Naiv-Egoistische gegenüber dem Moralischen: Die Hoffnung des Frommen auf zeitlichen Lohn, der Segen Gottes als zeitliches Wohlergehen. 4. das Nationale gegenüber dem Menschheitlichen: Der biblische Gott ist der Gott des hebräischen Volkes, Gottes Feinde sind die Feinde des hebräischen Volkes, das hebräische Volk ist ein Volk wie jedes andere. In diesem: „wie jedes andere" liegt zwar eine Einschränkung des Nationalismus, aber, wie einleuchtet, in einer der Tradition und dem Liberalismus diametral entgegengesetzten Richtung. Cohen sieht einen Widerspruch darin, daß sich Spinoza zum Beweis für den religiösen Partikularismus des Judentums auf die partikularistischen Stellen, daß er sich andererseits zur Bestreitung der Auserwähltheit des hebräischen Volkes auf die universalistischen Stellen, d. h. auf solche, die von der Liebe Gottes zu allen Völkern sprechen, beruft. Der Widerspruch fällt aber auf die Bibel zurück. Cohen erkennt ihn selber an, wenn er sagt, daß im „Grunde" der biblischen Religion ,,der nationale politische Partikularismus umschlagen muß in einen Universalismus der Menschheit". Vermutlich hätte Spinoza den Widerspruch in der gleichen Weise wie Cohen aufgehoben, wenn ihm dazu die logischen Mittel der Hegelischen Dialektik zur Verfügung gestanden hätten. Leider setzt aber das Hegelische System das Spinozische voraus. —

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