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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 309

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
309 (sequence 15)
Language
German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 309 tum den Vorrang vor dem Judentum zuerkannte, worin er ja ebenfalls irren konnte. Jedenfalls war ein solches Urteil von seinem Standpunkt aus nicht so unbegründet, wie man meinen könnte, wenn man an die von jüdischer Seite gern hervorgehobene Absurdität der christlichen Dogmen denkt. Diese Dogmen zählte Spinoza gar nicht zum Christentum. Er hielt sich an die schlichte Lehre der Evangelien, nach der die Erfüllung des Gebotes, Gott zu gehorchen und den Nächsten zu lieben (nicht die Erfüllung „an sich indifferenter" Zeremonien) das Kennzeichen wahrer Frömmigkeit sei, er hielt sich an die tiefere Bekämpfung des Gesetzes durch Paulus. Die kirchliche Entwicklung der protestantischen Sekten deutete auf eine Christlichkeit hin, in der die Dogmen und Zeremonien des Christentums ihre wesentliche Bedeutung verloren. Eine Entwicklung des Judentums in einer das Gesetz aufhebenden Richtung gab es damals nicht. Lehnte nun Spinoza das Gesetz als Kern der Religion ab, hielt er es für religiös möglich, das Gesetz zu übertreten, so stellte er sich außerhalb des geschichtlich allein vorhandenen Judentums. Appellation an die Schrift war nicht möglich, denn die Schrift enthält das Gesetz und fordert seine Befolgung — eine Appellation, die für den Christen gegenüber Kirche und Dogma jederzeit möglich — ob berechtigt, bleibe dahingestellt — war, da er das Neue Testament, insonderheit die Paulinischen Briefe hatte. Spinozas Bevorzugung des Christentums hält absolut stand, wenn man erstens das Gesetz als religiös irrelevant auffaßt, und wenn man zweitens zugibt, daß das Judentum nicht ohne Gesetz denkbar ist — wobei ich unter ,,Gesetz" verstehe, was man hergebrachterweise darunter versteht, nicht irgendwelche soziale Maßnahmen zur Hebung des gemeinen Wohles, nicht irgendwelche persönliche Liebhabereien für religiöse Form. Es ist in diesem Zusammenhang nicht unpassend, darauf zu verweisen, daß Spinoza, als er sich durch sein gesetzesübertreterisches und gesetzesleugnerisches Verhalten den Bann zugezogen und also die Identität von Judentum und Gesetz am eigenen Leibe gespürt hatte, für das Verständnis der philosophischen Rechtfertigungen und Sublimierungen des Zeremonialgesetzes gewiß nicht disponiert war. Auch muß man — um Cohen zu zitieren — ,,bedenken, daß ihm die Lehre Zwingiis bekannt gewesen sein wird und daß er sich im Kreise seiner Rhynsburger mit der Illusion schmeichelte, die dogmatische Auffassung der Trinität sei allgemein überwunden". Handelt es sich aber um eine Illusion", so liegt — wie der gerechtere Mendelssohn sagen würde — ein Irren seines Verstandes, nicht eine Bosheit seines Herzens vor. Also: Spinozas Bevorzugung des Christentums ist in sach* Hchen Erwägungen motiviert — ob diese sachlichen Erwägungen stichhaltig sind, ist eine Frage für sich — wir brauchen daher nicht auf Spinozas Stimmungen zurückzugreifen, um diese Bevorzugung zu verstehen. Die philologische Konsequenz" dieser Stellung zum Christentum ist, daß Spinoza Bibel und Neues Testament „als einheitliche Schrift" betrachtet. Durch sie wird aber der bibelwissenschaftlichen Entscheidung nicht vorgegriffen; denn diese zerlegt den Einheitlichkeit prätendierenden Kanon

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