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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 307

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
307 (sequence 13)
Language
German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 307 Das erste Kapitel des Traktates handelt von der Prophetie, das zweite von den Propheten. „Dennoch heißt es schon bei der Prophetie: ,Prophet aber ist derjenige*. Da diese Schrift den Anfang der neueren Bibelwissenschaft bilden soll, so ist dieser Anfang noch sehr primitiv. Denn wir dürften wohl erwarten, daß für den Begriff der Prophetie begonnen werden müßte mit der Unterscheidung zwischen den literarischen Urkunden und der Prophetie in Orakelform. Hier wird aber die Prophetie definiert als eine ,gewisse Erkenntnis, die von Gott dem Menschen offenbart* sei." Mit dem gleichen Rechte „dürften wir" die kopernikanische Wendung bei Thaies, die Infinitesimalanalysis bei Pythagoras „erwarten". Spinoza mußte von der Bestimmung des Erkenntniswertes der prophetischen Erkenntnis ausgehen, kam es ihm doch darauf an, die vollkommene Selbständigkeit der Vernunfterkenntnis gegenüber der geoffenbarten zu sichern. Erst auf Grund dieser Bestimmung konnte der Vorrang der Vernunft vor der Schrift in Hinsicht auf wissenschaftlichen Wert, konnte die Messung des an der Schrift Gelehrten an einem von der Schrift unabhängigen Maßstab, konnte die Notwendigkeit der psychologischen Erklärung der Abweichungen von diesem Maßstab, konnte die unbefangene Würdigung solcher Unterscheidungen, wie der von vorliterarischer und literarischer Prophetie, durchgeführt werden. Spinoza charakterisiert die Prophetie gemäß seiner „exegetischen Grundregel": die Schrift ist allein aus der Schrift zu erklären, auf Grund der Schrift. Zudem bliebe ihm, wie er nicht ohne Ironie feststellt, nichts anderes übrig, „da wir heute, so viel ich weiß, keine Propheten haben". Er ist also trotz seiner bibelwissenschaftlichen Primitivität kritischer als beispielsweise die heutige amerikanische Religionspsychologie. Auf Grund der Schrift unterscheidet er nun Offenbarungen durch Worte, durch Gesichte, durch Worte und Gesichte zugleich. Worte und Gesichte können 1. wirklich oder 2. „imaginär" (bloß vorgestellt) sein. Cohen wendet ein: „Der literarische Gesichtspunkt ist hiermit gar nicht eingestellt; denn wie könnte eine Offenbarung, eine Mitteilung überhaupt anders erfolgen als durch Worte, in welche sich ja auch die Gesichte oder Gestalten unverzüglich übersetzen müssen? Diese Bestimmung kann nicht unbefangen getroffen sein; sie muß auf eine Unterscheidung abzielen." Diese Unterscheidung aber, auf die Cohen abzielt, ist die von biblischer Prophetie und Prophetie Christi. Hängt die angeführte Bestimmung wirklich von der Liebe zum Christentum, bzw. von dem Haß gegen das Judentum ab? Nein. Denn wenn sich auch eine Vision in Worte „unverzüglich übersetzen" müßte — das „Muss" wäre sehr zu bestreiten, allerdings müssen sich die Visionen der Propheten irgendwie in Worte übersetzt haben, wiewohl nicht unbedingt „unverzüglich", sofern wir von ihnen wissen — so ist sie doch klar und deutlich von einer Audition, zumal einer Wortaudition, unterschieden. Auch ohne böse Absicht wird man zu dieser oder einer sachlich verwandten Unterscheidung kommen, wenn man an die Verschiedenheit der Offenbarung etwa in Am. 7, r und 4; Hos. 1; Jes. 6 denkt. Cohen: „Die Propheten haben eine wirkliche Stimme ge- 20*

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