Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 306 (sequence 12)
- Language
- German
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Leo Strauß: Menschen in Religionssachen gewöhnlich am meisten irren und weil sie miteinander wetteifern, je nach ihrer verschiedenen Geistesart vielerlei zu erfinden, wie es ja die Erfahrung übergenug bestätigt, so würde sicherlich das Recht des Staates von dem verschiedenen Urteil und Affekt des Einzelnen abhängig gemacht, wenn niemand rechtlich verpflichtet wäre, der höchsten Gewalt zu gehorchen in Dingen, die er selbst der Religion zurechnet." Wir beachten, daß hinter diesem Urteil die geschichtliche Wirklichkeit der sektenreichen Niederlande des 17. Jahrhunderts steht und daß es sich jedenfalls in erster Linie auf diese, nicht auf irgendwelche jüdischen Dinge bezieht. Die Geistlichkeit konnte sich für ihre etwaige Rebellion gegen die weltliche Obrigkeit aus den nichtsnutzigsten Gründen und mit dem wirksamsten Schein auf die hebräischen Propheten berufen — aus dieser Situation ist das Urteil Spinozas, die Propheten hätten „die Menschen mehr aufgereizt als gebessert", „selbst frommen Königen waren sie oft unerträglich" — dieses durchaus ad hominem zu verstehende Urteil — nicht ganz unverständlich. Jedenfalls brauchen wir hinter ihm nicht das satanische Bewußtsein des Gegensatzes zum ethischen Idealismus und noch viel weniger einen indirekten Beweis für den ethischen Idealismus der Propheten zu wittern. Wir halten fest: Das Moralprinzip des Traktates widerspricht nicht demjenigen der Ethica. Da sich die prinzipielle Notwendigkeit und das sachliche Recht der argumentatio ad hominem in der für den Traktat wichtigen, außergewöhnlichen Erweiterung ihrer Anwendung aus dem für die Ethica fundamentalen Prinzip der Rangordnung ergibt, so ist damit auch das allgemeine Vorgehen Spinozas im Traktat systematisch zu rechtfertigen. III. Wir haben uns darum bemüht, zu zeigen, daß der Zweck und die Disposition des Traktates sich ohne Zwang aus der allgemeinen geistigen Lage des 17. Jahrhunderts verstehen lassen; man hat hierbei nicht nötig, auf die jüdischen Beziehungen Spinozas ein besonderes Gewicht zu legen, wenn man von der mehr technischen Frage der Kenntnis von Sprache und Schrifttum absieht. Zum mindesten dürfte klar geworden sein, daß das sachliche Verständnis des Zweckes und der Disposition des Traktates durchaus ohne Berücksichtigung der von Cohen hervorgehobenen „persönlichen" Motive möglich ist. Nun wäre es denkbar, daß sich die allgemeine Stimmung Spinozas mehr in der Durchführung der Untersuchung zeigte, daß sie die bibelwissenschaftliche Forschung auf solche Tatsachen hin dirigierte, deren Aufdeckung einem Angriff auf das Judentum gleichkäme. Wir wenden uns daher jetzt den Einwänden Cohens gegen die bibelwissenschaftlichen Thesen Spinozas zu. Vor allem fragen wir, wie das religionsvergleichende Ergebnis der Untersuchungen des Traktates: der Vorrang des Christentums gegenüber dem Judentum, mit Rücksicht auf den mehrfach erwähnten Vorwurf Cohens zu beurteilen sei.