Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 305 (sequence 11)
- Language
- German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 305 ein anständiges Leben führen will, — so meint wenigstens Spinoza — an diese Einzigkeit glauben. „Denn Verehrung, Bewunderung und Liebe werden allein infolge des Her vor ragens eines über die anderen entstehen." — In ähnlicher Weise bespricht Cohen noch ein weiteres Dogma Spinozas. Er verkennt auch bei diesem den —sagen wir: sozialpädagogischen *—Charakter der Dogmatik Spinozas, die übrigens nichts anderes als die vielleicht bewußteste, jedenfalls aufrichtigste und selbstloseste Form der pia fraus ist. Cohen hält sie für eine „Philosophie der Religion". Cohen: Wenn die Erkenntnis, und nicht die Religion „auch zur Praxis den Weg" zeigte, „dann könnte die Schrift nicht ihre Identität mit dem Glauben erlangen. Die Schrift aber soll nach ihrem eigentlichen' Inhalte als das ,Wort Gottes* hier beglaubigt werden. Wir wissen, daß dies das Hauptthema des Traktates ist." Wir wissen, daß diese Darstellung eine Umkehrung des Gedankenganges Spinozas ist: er geht von der geschichtlich tatsächlichen „Identität" von Glauben und Schrift aus. Diese Identität weist auf die Möglichkeit einer sittlichen Praxis, die nicht auf die Erkenntnis begründet ist, hin. Schwerwiegender ist Cohens zweiter philosophischer Einwand, der sich nicht mehr gegen einen Widerspruch zwischen den einzelnen Thesen Spinozas, sondern unmittelbar gegen das Zentrum des Systems richtet: Der ethische Idealismus werde durch die völlige Einbeziehung des Sittlichen in die Eine Natur vereitelt. Da es sich uns hier nur um die Bibelwissenschaft handelt, begnügen wir uns mit der Erwähnung dieses fundamentalen philosophischen Gegensatzes. Nur dies eine bemerken wir: Cohen bezeichnet Spinoza als „Sophisten", und zwar mit Rücksicht auf die völlige Aufhebung der der Vernunft angehörigen Wertgegensätze in der Einen Natur: „denn die Natur wird nicht durch die Gesetze der menschlichen Vernunft begrenzt". Spinoza drückt diesen Gedanken auch noch anders aus: Unser Wissen sei Stückwerk. Es ist der große Gedanke von Hiob 38. Wir begreifen, daß Cohen sich von ihm abgestoßen fühlt, er, der fragt: „Wie kann die Natur, wie kann Gott diesen Unterschied unter den Menschen (sc. den von Natur dazu Bestimmten, nach der Vernunft zu leben, und den von ihr nicht dazu Bestimmten) verantworten?" Und dabei stellt «r Spinoza zu den „Mystikern", die „von der Transzendenz Gottes nicht befriedigt werden"! Mit großer Abneigung betrachtet Cohen die Staatslehre Spinozas. Wir unterscheiden in ihr zwei Momente: z. Die Begründung des Staates auf den Egoismus und die Klugheit, auf „ewige Wahrheiten", wie Spinoza ernsthaft und Cohen ironisch sagt. Cohen hätte für sie gewiß ebenso leicht wie für den Satz, daß der Lohn der Tugend die Tugend selbst ist, die Quelle in den Pirkej Aboth angeben können: „Wäre nicht die Furcht vor der Obrigkeit, so verschlänge einer den anderen lebendig." 2. Die Forderung der Überordnung der Staatsgewalt über die Kirche auf Grund der tatsächlichen Lage des 17. Jahrhunderts. Der zweite Punkt ist für unseren Zusammenhang wesentlicher. Ich zitiere die Hauptstelle aus Spinoza: „Weil aber die Heft 5/6. 20